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Plädoyer für politische Lyrik

Politische Dichtung war in der alten BRD lange verpönt. Die Lyrik, die man an Schule und Uni vermittelte, war vor allem die klassische Lyrik Goethes und Schillers. Die Lyrik des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts war bereits weniger stark vertreten und bewegte sich fast immer im Bereich des Innerlichen oder Esoterischen. Die Moderne nahm man nur in Kostproben zu sich, dazu gehörten Texte von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Ausgesprochen politische Lyrik, also etwa diejenige aus dem Umkreis des Vormärz, kam nicht vor. Sie galt, wenn man überhaupt davon hörte, als minderwertige Tendenzdichtung. Doch dann erregte Mitte der sechziger Jahre ein Gedichtband Erich Frieds ungewöhnliche Aufmerksamkeit: Der Titel »und Vietnam und« zeigte schon an, dass es um Politik ging und mehr noch: um Stellungnahme zu einem aktuellen Thema, zum amerikanischen Krieg in Südostasien, der auch von der BRD unterstützt wurde. Natürlich traten sofort die Kritiker auf den Plan, die eine solche Thematisierung als poesiefeindlich brandmarkten oder zumindest auf einer poetischen Verklausulierung bestanden. Andere dagegen, wie etwa Peter Rühmkorf, wiesen auf den unverwechselbaren Gebrauchswert solcher Dichtung hin: Sie wirke wie ein Dechiffriergerät. Wo sonst könnte man in der restriktiven Öffentlichkeit auf solch effektive Weise Dinge ans Licht bringen und die Leserschaft zum Nachdenken animieren? Die immer hermetischer werdende (und immer weniger gelesene) »moderne« Lyrik könne dies nicht, zumal sie allenfalls einen vagen Nonkonformismus vertrete.

Frieds Gedicht signalisierte den Beginn einer Hochzeit der politischen Lyrik, eines neuen Engagements. Sie war Ausdruck einer generellen Politisierung der Intelligenz, die Anfang der sechziger einsetzte und die sich auch im Bereich des Theaters, des Kabaretts oder des politischen Liedes bemerkbar machte. Die politische Lyrik sollte in diesen Jahren einen erstaunlichen Formenreichtum entwickeln, der von der Ballade bis zum Epigramm reicht – man denke etwa an Gerd Semmer, Lieselotte Rauner, Dieter Süverkrüp. Franz Josef Degenhardt, Arnfried Astel oder unter den Jüngeren an F. C. Delius, Fasia Jansen oder Uwe Timm. Die Breitenwirkung solcher politischen Dichtung war allerdings an die Aufbruchsstimmung dieser Jahre gebunden, nur einzelne Künstlerinnen und Künstler hielten an ihren Konzepten bis in die achtziger Jahre fest, danach setzte wieder die sattsam bekannte Verteufelung jedes linken Engagements ein. Doch warum sollte man heute nicht an die Erfahrungen aus den sechziger Jahren anknüpfen können? Schließlich hat man damals vorgeführt, wie operativ eine ans Aktuelle anschließende Dichtung sein kann und welcher Formenreichtum dabei zur Verfügung steht. Die politischen Probleme der Gegenwart sind wahrlich gravierend genug. Dank eines weitgehend eindimensionalen Mainstreams besteht geradezu die Notwendigkeit zum Blick hinter die Oberfläche und zur Aktivierung einer allzu passiven, in sich zersplitterten Leserschaft.

Hinzuweisen ist auf zwei Bände des Lyrikers Rudolph Bauer, die zeigen, wie machtvoll, ja aufrüttelnd politische Dichtung auch heute sein kann. Der Titel des ersten lautet »Aus gegebenem Anlass«, womit bereits auf das politisch Aktuelle hingewiesen wird. Bauers Texte sind auf konkrete Anlässe bezogen, die eine politische Analyse oder Position geradezu provozieren. Gerade die lakonische Verdichtung erweist sich dabei als besonders wirksam.

Bauer knüpft an Wolfgang Borcherts »Manifest« an, an dessen mehrfach wiederholten Appell »Nein« zu sagen, womit er 1947, wenige Tage vor seinem Tod, auf die Gefahr eines neuen Militarismus hinwies. Bauer aktualisiert. Wo Borchert den »Mann an der Maschine und in der Werkstatt« auffordert, keine Stahlhelme oder Maschinengewehre zu produzieren (»Sag NEIN!«), spricht Bauer, in verknappender, verdichtender Versform, von moderner Waffentechnik und Mitteln, Menschen durch ökonomischen Druck gefügig zu machen. Wie bei Borchert werden verschiedene gesellschaftliche Gruppen angesprochen. Etwa wenn es um Mädchen und Frauen geht, die man mit einem besonders ausgefeilten Konsumterror überzieht, um Fabrikbesitzer, denen der Waffenhandel ein »Bombengeschäft« sowie »Orden aus Blech« verspricht, um Dichter, die bei »Hassgesängen« größere Aufmerksamkeit erreichen, um Schiffskapitäne, Piloten und andere. Nur ein klares Nein muss die Antwort auf diese »modernen« Verführungs- und Verdrängungsversuche sein, die verschweigen oder übertünchen »was ihr besser niemals / vergesst dass das morden / neuen terror erzeugt / neue angst gebiert / neues unrecht / und neue kriege«.

Andere Texte stellen die Wurzeln des alten und neuen Militarismus als Teil einer unseligen Entwicklung heraus, etwa in der »Hunnenrede des Wilhelm II«, oder den Texten über die nie abreißenden Lobreden auf den Kolonialismus, die Brutalität des KZ-Terrors oder die ungesühnten Massaker im Zweiten Weltkrieg, etwa an Griechen oder italienischen Soldaten. Bauers Lyrik variiert die Themen und historischen Bezüge und zeigt dabei einen Formenreichtum, der auch Haikus, Distichen und Aphorismen einschließt. Neben traurig-melancholischen Rückblicken finden sich tagesaktuelle Bezüge und frappierende historische Parallelen, die nur noch Sarkasmus und Empörung nahelegen: So war die vermutlich als patriotisch-aufmunternd geltende Parole »Du bist Deutschland« ursprünglich auf Hitler gemünzt. Selbst Mittel der konkreten Poesie setzt Bauer ein, etwa im »Verfassungsschutzslamm« oder im »Vom Schützenschützen der Verfassung«, das mit den Zeilen endet: »unverhohlen wird auch anempfohlen zu / verstehn / warum verfassungsschützer nazis / schützend müssen schützen gehn«. Gelegentlich kommt auch Positiv-Utopisches zur Sprache, etwa die Vision der Gewaltlosigkeit. Doch der Haupttenor dieser Texte, die oft wie Flugschriften wirken, liegt im Appell an die Verweigerung und an ein dementsprechendes Handeln oder Kämpfen. Im Gedicht »Vermächtnis«, genau in der Mitte des Bandes, heißt es: »kämpft für den frieden / gegen den krieg / kämpft gegen krieg / kämpft gegen das unrecht / kämpft«.

Ein vor kurzem erschienener zweiter Gedichtband, »Zur Unzeit, gegeigt«, setzt die Orientierung an aktuellen Entwicklungen fort. In einem derb-bajuwarischen »Schnaderhüpferl« wird das für 2020 geplante Nato-Manöver »Defender« aufs Korn genommen, der Refrain jeweils leicht variiert und dadurch eingängig: »kriag deaf net sei’ / frieden muass sei’«. Viel Raum wird historischen Ereignissen gewidmet, dem deutschen Narrativ gescheiterter Kriege und Revolutionen, wobei Bauer den passenden Gegentext zu den offiziellen Feiern liefert, die sich im oberflächlichen Gedenken an die Opfer erschöpfen und die tatsächlichen Gegebenheiten verdrängen oder verfälschen. Der Titel der Sammlung verweist darauf, dass wirkliches Gedenken, wie z. B. der Totentanz von Hans Henny Jahn »zur Unzeit« kommt. Besonders beeindruckend sind Texte, die kenntlich machen, wie die gängigen »schmähworte« (etwa Asylant oder Flüchtlingsheer) genutzt werden, um Gruppen auszugrenzen und notfalls auch physisch, »mit tötungsdrohnen / orbitalen kampfspionen« zu bedrohen. Krieg und Gewalt sind stets gegenwärtig in diesen Texten, was durch die beigegebenen Bildmontagen noch unterstrichen wird. Die dort genutzten, sich gegenseitig verfremdenden Fotos zeigen das Martialisch-Bedrohende und Obszöne öffentlich ausgestellter Gewalt und das leere Lächeln jener Politikerinnen und Politiker, die sie verkaufen, als handle es sich um Zahnpasta. Der abschließende Text, ein »Neues Manifest for future« ist dem Kampf gegen die Klimakrise gewidmet. Wie im ersten Band geht der Appell an die Leserschaft. Nur durch solidarisches Handeln lässt sich der verseuchte, geschundene Planet retten und das »glück der zukunft« erobern. Erneut wirken viele Texte wie Flugschriften, die konkrete Erfahrungen pointieren und in zitierfähigen Sätzen bündeln. Politische Lyrik dieses Kalibers hat einen unbestreitbaren Nutzwert. Man kann ihr nur eine weite Verbreitung wünschen.

Rudolph Bauer / Thomas Metscher, Aus gegebenem Anlass. Gedichte und Essay, Hamburg 2018, 194 Seiten

Rudolph Bauer, Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen, Hamburg 2020, 160 Seiten

02/2021 Jürgen Pelzer auf https://www.ossietzky.net/artikel/plaedoyer-fuer-politische-lyrik/

Kritische Bestandsaufnahme unserer Zeit

Rudolph Bauer: Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen
Buchtipp von Gert Sautermeister

Der Titel der neuen Lyrik-Sammlung von Rudolph Bauer schöpft deren Vielfalt nicht aus. Es handelt sich nicht nur um politische Lyrik im engeren Sinne, es handelt sich auch um eine sozial- und wirtschaftskritische Bestandsaufnahme unserer Zeit. Beispielhaft steht dafür „Neues Manifest for Future“. Das Bild einer tatenarmen und verantwortungslosen Politik wird dort ergänzt durch die allgegenwärtige Klimakatastrophe und durch die globalen Fluchtbewegungen, es wird angereichert durch die Interessen des Kapitals und deren Imperative zum Verzicht der „kleinen Leute“ auf ein wohlversorgtes Leben. So wird die Gegenwart nach ihren bedenklichsten Seiten hin aufgerollt und in ihren apokalyptischen Gefahren ausgeleuchtet.

Den Lesern sind die im Gedicht aufgezeigten Tendenzen der Zeitgeschichte im Laufe der letzten Jahre nach und nach bekannt geworden, zweifellos. Der Vorzug des lyrischen Gebildes aber ist, dass es unsere fragmentarischen Kenntnisse in einer Zusammenschau vereint und auf diese Weise eine vielseitige Zeitdiagnose in gedrängter Form bietet. Sein zweiter Vorzug ist, dass es unsere teilweise pauschalen Kenntnisse durch anschauliche Bilder versinnlicht. So wird die Klimakatastrophe unserer Einbildungskraft vorgeführt durch plastische Prägungen wie: „die schwarzen wolken taifunschwer“ oder“die gewässer kippen um zur gülle“. Solche bildkräftigen Blitzlichter sind es, die sich unserem Gedächtnis einprägen können und der umweltkritischen Botschaft Zündkraft verleihen

Es gehört zur Eigenart der diagnostischen Bestandsaufnahme Rudolph Bauers, dass sie ihren realitätshaltigen Pessimismus nicht zum Fatalismus verallgemeinert, sondern im Sinne des „Prinzips Hoffnung“ auflichtet und sich auf die Widerstandskraft gleichgesinnter „Schwestern und Brüder“ beruft: „der freie mensch ist angetreten / kämpft für das neue manifest“.- Es bleibt dringend zu wünschen, dass diese Hoffnung sich nicht zur Illusion verflüchtigt.

Anders als die meisten Gedichte in seinem Band hat der Autor sein „Neues Manifest“ mit Reimen versehen, eine Verfahrensweise, die ich sehr begrüße. Reime verstärken musikalisch die Eingängigkeit der Aussage und erzeugen im Leser einen Widerhall, der im Gedächtnis nachhaltiger fortwirkt als reimlose Verszeilen dies vermögen. Im Übrigen hat sich Bauer die moderne lyrische Technik durchaus zu eigen gemacht und bietet seine Gedichte ohne Interpunktion an. Das hat einen Nachteil, der sich als Vorteil enthüllt. Der Leser kann nicht rasch über die Verszeilen hinweggleiten, er muss vielmehr selbst Punkt und Komma und andere Satzzeichen ergänzen, das heißt er muss innehalten und sich das Gelesene erneut vergegenwärtigen, um seinen Sinn auszuschöpfen. Anders formuliert: Der Autor verlässt sich auf die Reflexionskraft seiner Leser und auf ihre Fähigkeit zur Kontemplation.

Es ist diese Fähigkeit, die Bauer mit anderen Gedichten fördert, indem er seine Aussagen in Kurzzeilen darbietet. Paradigmatisch hierfür steht das „Deutsche Narrativ“. In vier Kürzeststrophen komprimiert der Autor die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über die beiden Weltkriege bis heute. Auf diese Weise wird eine verhängnisvolle Tradition sichtbar, die dem Leser durch einzelne Brennpunkte nahegelegt wird. Die Pointe der Geschichtsbetrachtung erfolgt in den beiden Schlusszeilen: „wieder vereint / im vorkrieg erneut“. Dem Leser ist es anheim gegeben, sich die Kürze dieser Pointe auf ihren verborgenen Gehalt durchsichtig zu machen. Er ist gehalten, aufgrund anderer Gedichte die Versuchung Deutschlands zu einer Wiederaufrüstung ins Spiel zu bringen. Präzision und Knappheit der Schlusszeilen regen die Leser zu einer produktiven Eigenleistung an. Diese Verknappung der Aussage, die den Leser zum aktiven Mitspieler macht, zählt für mich zu den interessantesten Seiten von Bauers Lyrik.

Was die politische Tradition Deutschlands betrifft, so hat Bauer dafür ein anderes eindringliches Beispiel gegeben. In der „Parteigeschichte“ hat er durch klug ausgewählte Brennpunkte eine verhängnisvolle Tendenz der SPD aufgehellt und ihre einst revolutionäre Richtung in ihr Gegenteil aufgezeigt. Auch hier sind es Kürzestzeilen, die partiell mit geschichtlich gehaltvollen Schlagworten operieren, die des Lesers Erinnerungskraft freisetzen.

Eine Gegentradition macht der Band an verschiedenen Stellen transparent, am markantesten im Schlussgedicht „Eine Zeitungsnotiz lesend“. Die unverblümte Kritik an der Gegenwart mit Einschluss der repressiven französischen Regierung mündet in eine finale Emphase, die durch ihre Metaphorik an die „Internationale“ erinnert: „zersprengend / unsere Ketten“ so lautet der Wunsch des Autors im Hinblick auf seine erhofften Mitstreiter und ihre Triebkräfte.

Den Gedichten sind Bildmontagen beigegeben, die nicht eigens erklärt werden. Ich halte das für einen sehenswerten Vorteil. Der Betrachter kann angesichts der namenlosen Bilder sein Erinnerungsvermögen und seine Phantasie ins Spiel bringen und auf diese Weise den verschwiegenen Sinngehalt der Bilder selbst entziffern. Darüber hinaus ergeben sich zwischen den lyrischen Worten und den bildlichen Darstellungen Assoziationsräume, die den betrachtenden Leser bzw. den lesenden Betrachter zu Entdeckungen anregen.

Quelle: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27129

im wirren irrenhaus des kapitals

Buchtipp: Rudolph Bauer: »Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen«

Von Dr. Christian G. Pätzold – kuhlewampe.net  2020/09/10

Vor kurzem ist ein neues Buch mit fortschrittlicher politischer Lyrik von Rudolph Bauer erschienen: »Zur Unzeit, gegeigt«. Einige Gedichte in dem Buch sind den LeserInnen von kuhlewampe.net schon bekannt, da sie in den vergangenen Monaten hier gepostet wurden. Außerdem enthält das Buch farbige Bildmontagen von Rudolph Bauer in der Tradition von John Heartfield, von denen auf kuhlewampe.net auch schon Beispiele erschienen sind. Das Schreiben von politischen Gedichten und die Herstellung von Bildcollagen sind aber nur zwei Aspekte der vielseitigen Aktivitäten von Rudolph Bauer. Rudolph Bauer ist nicht nur ein Meister in der Dichtkunst und der visuellen Kunst, sondern auch Sozialwissenschaftler und tagespolitisch engagiert. Die Mischung von Gedichten und politischen Bildmontagen passt sehr gut zusammen, macht das Buch abwechslungsreich und visuell interessant. Überhaupt ist das Layout des Buches liebevoll und großzügig gestaltet, so dass es als kleines Kunstwerk betrachtet werden kann.

Auch der Titel des Buches »Zur Unzeit, gegeigt« klingt originell und bringt einen erstmal zum Nachdenken. Der Titel erscheint mir sehr treffend. Wir leben tatsächlich in einer Un-Zeit, in einer schrecklichen Zeit des digitalen Überwachungskapitalismus, der weltweiten Seuchen, der globalen Klimakatastrophe und der alltäglichen atomaren Bedrohung. Dafür sind Menschen und die politisch Handelnden verantwortlich, die von Rudolph Bauer auch genannt werden. „wir harren aus / im wirren irrenhaus / des kapitals.“

Die Hauptthemen von Rudolph Bauers Gedichten sind einerseits die deutsche Geschichte und was in ihr alles schief gelaufen ist (sehr viel, gelernt hat man sehr wenig). Sein zweites Hauptthema sind Militarismus, Krieg und Unterdrückung, und der Aufruf, etwas dagegen zu tun. Diese Themen standen schon in seinem vorhergehenden Gedichtbuch »Aus gegebenem Anlass« von 2018 im Mittelpunkt. Seht bitte die Besprechung des Buches vom 2019/05/24 auf kuhlewampe.net.

Es gibt nicht so viele Bücher mit sozialistischer politischer Lyrik, die in Deutschland pro Jahr erscheinen. Vielleicht liegt die Anzahl im niedrigen zweistelligen Bereich. Dafür gibt es viele Gründe. Aber schon weil es so wenig politische Lyrik gibt, ist jedes Buch ein seltenes Juwel und das Buch von Rudolph Bauer im Besonderen eine bibliophile Rarität. Und ein Seismograf der aktuellen politischen Auseinandersetzungen und Debatten. Rudolph Bauer hat viele Bösewichter identifiziert. Insgesamt ist es ein provozierendes Buch, das zum Nachdenken anregt.

Hier noch ein Gedicht von Rudolph Bauer aus dem Buch:

Rudolph Bauer
Kein Blut für Öl

Frei nach dem Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan

schwarzes öl der wüste sie schlürfen es abends
sie schlürfen es mittags und morgens sie schlürfen es nachts
sie schlürfen und schlürfen
sie schürfen ein grab in den lüften da liegt man nicht eng
gewalt wohnt im haus sie spielt mit den bomben befiehlt
befiehlt wenn es dunkelt dem totland
dein goldenes haar margaretchen

befiehlt es und tritt vor das haus und es blitzen kanonen
sie pfeift die soldaten herbei
sie pfeift ihre juden hervor lässt schürfen ein loch in den boden
sie befiehlt uns spielt auf nun zum tanz

schwarzes öl der wüste sie schlürfen dich nachts
sie schlürfen dich morgens und mittags sie schlürfen dich abends
sie schürfen und schlürfen
gewalt wohnt im haus sie spielt mit den bomben befiehlt
befiehlt wenn es dunkelt dem totland
dein goldenes haar margaretchen

dein aschgraues haar sulamith

sie schürfen ein grab in den lüften da liegt man nicht eng
sie schreit bombt tiefer ins erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
sie drückt auf den mordknopf alles erstirbt ihre augen sind blau
bombt tiefer ins erdreich ihr einen ihr anderen spielt weiter zum tanz auf

schwarzes öl der wüste sie schlürfen es nachts
sie schlürfen es mittags und morgens sie schlürfen es abends
sie schlürfen und schürfen
gewalt wohnt im haus dein goldenes haar margaretchen
dein aschgraues haar sulamith sie spielt mit den bomben befiehlt

sie ruft spielt süßer den tod der tod ist ein meister der nato
sie ruft streicht dunkler die geigen dann steigt ihr verwest in die luft
dann habt ihr ein grab in den sphären da liegt ihr nicht eng

schwarzes öl der wüste sie schlürfen dich abends
sie schlürfen dich mittags der tod ist ein meister der nato
sie schlürfen dich abends und morgens sie schürfen und schürfen
der tod ist ein meister der nato ihr auge ist blau
sie trifft uns mit bleierner kugel sie trifft uns genau
gewalt wohnt im haus dein goldenes haar margaretchen
sie hetzt die soldaten auf uns sie schenkt uns ein grab in der luft
sie spielt mit den bomben und träumet der tod ist ein meister der nato

dein goldenes haar margaretchen
dein aschgraues haar sulamith

Rudolph Bauer: Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen
Hamburg 2020. tredition. 160 Seiten
ISBN 978-3-347-06297-9

http://www.kuhlewampe.net

Notwendig: Politische Lyrik

Das neue Buch von Rudolph Bauer ist stimmgewaltig

Von Herbert Becker

Der Bremer Künstler und Schriftsteller Rudolph Bauer hat seinen mittlerweile 9. Gedichtband vorgelegt. Bauer, Jahrgang 1939, war in seinem Brotberuf Wissenschaftler, er lehrte und forschte als Professor für Wohlfahrtspolitik und Soziale Dienste bis 2002 an der Universität Bremen. Daneben war und ist er – viel zu wenig bekannt – künstlerisch aktiv. Die neue Veröffentlichung ist schon als Fakt selbst zu würdigen, denn die Aussicht auf größere mediale Öffentlichkeit und noch viel mehr auf ein wirtschaftliches Ergebnis ist sicherlich gering. Diese Tapferkeit gegenüber den widrigen Umständen, was Aufmerksamkeit für Lyrik, besonders solche, die mit Fug und Recht als „politische Lyrik“ zu bezeichnen ist, soll vorneweg gelobt werden.

Schon der Titel des neuen Buches ist ein deutlicher Fingerzeig: Von Otto Nebel, einem Künstler der frühen Moderne, gibt es ein Buch mit dem Titel „Unfeig. Eine Neue-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt“. Daran erinnert Rudolph Bauer und verweist gleichzeitig mit seinem Lyrik-Band auf Kontinuitäten humanistischer, demokratischer Kunst in Deutschland. Sein Band trägt den Titel „Zur Unzeit, gegeigt“ und den Untertitel „Politische Lyrik und Bildmontagen“. Auf rund 150 Seiten versammelt er kurze und längere Gedichte und verteilt im ganzen Buch eine Reihe von Bildmontagen und Collagen, die nicht verstanden werden sollten als schmückendes Beiwerk, sondern einen eigenständigen, sehr aussagekräftigen Gehalt haben. Die Haltung von Rudolph Bauer ist klar und deutlich: Man kann nicht schweigen, wenn Mord, Kriegsgefahr, Unterdrückung und Ausgrenzung zum alltäglichen Geschäft der Herrschenden in den imperialistischen Staaten gehören. Es mag sich zwar resignativ anhören, wenn er im Gedicht „Unser Schwert“ schreibt „eine stumpfe klinge ist das lied/verwundet nicht warnt/dass uns gefahren drohen/durch drohnen“ oder auch „ein schreckschuss ist der song/nur eine warnung ist er/ dass wir etwas furcht kriegen/vor kriegen“. Dagegen hält er selbst, wenn er im Text „Kunst, Wahrheit und Politik“ sagt „den kolossalen widrigkeiten/zum trotz sind unbeirrbar wir jedoch/entschlossen die wahrheit/auszusprechen die wahrheit zwingend/wieder herzustellen die würde/des menschen“. Rudolph Bauer nimmt das Kampfwort „Aufstehen“ ernst, wenn er im gleichnamigen Gedicht deutlich wird „die privatisierung kennt keine grenzen/zur ware wird nunmehr alles selbst/wissenschaft kunst und kultur/geplündert wird der planet“. Den Zorn alter, weisser Männer, der ja gerne abgetan wird als hilfloses Wüten und Verweisen auf frühere Kämpfe, vermag der Rezensent nicht zu spüren, wenn Bauer im Text „Eine Zeitungsnotiz lesen“ aufmerksam macht „in frankreich haben lese ich die aktivisten/mit barrikaden den haupteingang von/blackrock der finanzhyäne abgesperrt/singend die lieder ihrer gewerkschaft“ und abschließend die Morgenröte benennt mit den Worten „geschichte steht nicht still und sie ver/harrt nicht auf den abstellgleisen weil/nichts so bleiben können wird wie es/gewesen das lehrt uns die geschichte“. Unverständlich bleibt für den Autor dieser Zeilen, warum Bauer einen Text „Kein Blut für Öl“ in Form und Rhythmus dem bekannten Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan nachempfunden hat. Das singuläre Ereignis des millionenfachen Mordes in Auschwitz ist nicht so ohne weiteres gleichzusetzen mit den Kriegen und der Gewalt, die mit der Ausbeutung der Bodenschätze durch Konzerne und ihre Regierungen einhergehen. Zeilen wie „schwarzes gold der wüste sie schlürfen dich abends/sie schlürfen dich mittags der tod ist ein meister/der nato“ sind eher bemüht und weniger gekonnt.

Eigenständig und doch integriert in die Gesamtkomposition des Bandes wirken die Bildmontagen und Collagen, die Rudolph Bauer geschaffen hat. Sie stehen in der Tradition von Künstlern wie John Heartfield, seine Ausschnitte bekannter Pressebilder mit verstörend wirkenden Bearbeitungen durch das „Montieren“ nicht dazugehöriger, aber deshalb umso passender fremder Bilder und Fotos zeigen Rudolph Bauer auch als Meister dieser künstlerischen Techniken. Diesem Teil des Buches sei gewünscht, dass Galerien oder Museen eine Ausstellung damit machen würden und viele Besucherinnen und Besucher einen Zugang zu diesen Arbeiten bekommen könnten. Auch wenn viele davor zurückschrecken, einen Gedichtband in die Hand zu nehmen, hier sei eindringlich empfohlen, den Band von Rudolph Bauer aufmerksam zu lesen und zu sehen.

Zur Unzeit, gegeigt

Politische Lyrik und Bildmontagen

Von Detlef Michelers

Der Gedichtband „Zur Unzeit, gegeigt“ von Rudolph Bauer gehört zur Kategorie Politische Lyrik. Diese knüpft an bei Vorläufern wie Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, Bert Brecht und Günter Eich, Peter Hacks und Pablo Neruda. Die Nennung solcher Protagonisten kann irreführende Erwartungen wecken. Wie bei ihnen erhebt sich die poetische Stimme des Autors auch heute wieder „zur Unzeit“. Aber sie hat einen unverkennbar eigenen, eigenwilligen, eigensinnigen Klang. Ihr Sound – poetisch „gegeigt“ – ist unterfüttert mit historischer Kenntnis, politischer Klarheit und kritischer Schärfe.

Die Gedichtsammlung umfasst sechs Kapitel mit jeweils fünf Texten. Diese handeln von brandaktuellen Ereignissen wie dem militärischen Nato- und US-Manöver Defender Europe 2020. Sie erinnern an revolutionäre Aufbrüche in der Geschichte der Arbeiterbewegung und an die reaktionären Massaker durch Polizei und die preußische Soldateska. Zum Teil reichen sie auch zurück in die Antike. Oder sie nehmen politische Entscheidungen und Parteien zum Anlass – unseren Alltag, das heutige und das frühere Europa, Zeitungsnotizen, den Tod eines Künstler-Freundes.

Die Gedichtsammlung ist vielstimmig und stimmgewaltig. Sie lässt schroffe Verzweiflung spüren und heiße Wut, sarkastischen Zorn und schmerzliche Bitternis. Aber sie ist auch nicht ohne Hoffnung, nicht ohne den Ausblick auf Frieden und Glück. Zusätzlich zu den Gedichten enthält der Band politisch motivierte Bildmontagen des Autors. Dadurch erlangt die Gedicht- und Bildersammlung den Rang eines zeitgenössischen Anti-Dokuments – sich behauptend jenseits des herrschenden, bis zum Geschmack- und Belanglosen eingeebneten Plateaus von gesellschaftspolitischer Gleichgültigkeit und ästhetischer Affirmation in Literatur und Bildender Kunst.

Der Band ist in sieben und ein umfangreich erklärendes achtes Kapitel unterteilt, denen jeweils ein Zitat von Johann Gottfried Herder, dem deutschen Dichter, Theologen und Philosophen der Weimarer Klassik vorangestellt ist: „Nach vielen Zeugnissen der Alten war Poesie bei ihnen vom stärksten Einflusse auf die Sinne. Sie … soll den Stab der Macht gehabt haben, Tiere zu bändigen, Steine zu beleben, den Seelen der Menschen einzuhauchen, was man wollte.“

Mit diesem Zitat, das einer idealisierten Wunschvorstellung Herders entspricht, spannt Rudolph Bauer ein hohes Seil, schlägt den Bogen von der Antike bis in die Gegenwart. Will er doch nichts weniger, als die Leser mit seiner Lyrik überzeugen, sie mit seinen Worten begeistern, agitieren und aufklären. Bereits das erste Gedicht – in dem er Eirene, die Friedensgöttin, besingt – gibt die Friedensrichtlinie vor und setzt den Maßstab. Mit Harfenklängen preist er sie: Eirene „mit dem füllhorn von glück“, „mit dem reichtum der ernte“, „mit den duftleuchtenden knospen der flora“.

Dieses paradiesisch holde Bild vom Frieden, der alle gesellschaftlichen Probleme zerstäubt, kann nur noch durch einen Wahlspruch aus DDR-Zeiten der letzte Glanz verliehen werden: „Unsere Rassegeflügelzucht kann nur im Frieden betrieben werden, deshalb ist jeder Rassegeflügelzüchter ein Kämpfer für den Frieden.“

Warum der Autor im zweiten Gedicht fragt, welcher „schuft“ aus Artemis, der Göttin der Jagd, des Waldes, der Geburt und Hüterin der Frauen und Kinder, „die göttin des krieges geschmiedet“ hat, erklärt sich allerdings nicht. Die Spartaner hatten ihr den Namen Agrotera, Jägerin, gegeben und opferten ihr vor der Schlacht. Aber die Zuschreibung als Göttin des Krieges ist nicht belegt.

Die Themen Krieg und Frieden, Unterdrückung und Unrecht, Rüstung und Abrüstung, Macht und Ohnmacht, Ruhe und Ordnung durchziehen den knapp 160 Seiten umfassenden Band. Rudolph Bauer führt uns – nicht nur – durch die deutsche Geschichte. In kraftvollen Moritaten blättert er die „Novemberrevolution 1918“ auf, beschreibt den „März 1920“, erzählt die „Parteigeschichte“ der SPD vom „kriegsrüstungserbe“ bis zum merkelliberale(n) koalitionserbe“, die mit dem Schlachtruf der frühen 30er Jahre, der in den 60ern wiederhallte, zu umfassen ist: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten!“

In seiner Ode „Neues Europa“, die er dem Literaturwissenschaftler und Philosophen Thomas Metscher widmet, verknüpft er die Kritik an den vergangenen und gegenwärtigen Zuständen mit dem fast flehentlich vorgetragenen Wunsch nach

„freiheit frieden glückliche frohe paare
dafür mögen unsere völker kämpfen
künftig ohne kriege befreit gewaltlos
das sei europa“

Im trommelnden Rhythmus von Mutter Courage fordert er in seiner „Nachricht von der Nähe des Paradieses“ die Schließung von Ramstein, die Einstellung der Drohnenangriffe und Waffenexporte. Nicht ohne – ebenso wie in vielen weiteren Texten – auch in diesem Gedicht das Licht am Ende des Tunnels zu beschwören:

„wenn die kriegsgeschwüre heilen
ist der ort wo menschen weilen
ein planet des singens tanzens
schaffens liebens und des friedens“

Trotz seiner verknappten, präzisen benennenden, teils retardierenden Sprache und seines kämpferischen Weckrufs nach Erinnerung, Veränderung und Erneuerung verblüfft er mit seinem Gedicht „Unser Schwert“ zunächst mit der Diagnose: „gedichte sind still und harmlos“. Aber der Titel suggeriert uns, dass es doch einen Pfad gibt, der uns in die Richtung lenkt, wo unter dem Pflaster der Strand liegt.

Denn „den herrschenden“ sitzt
„die angst im nacken
vor liedern texten songs …
denn sie fürchten die wahrheit“

Das Zitat von Johann Gottfried Herder: „Aus der Mündung der Kanonen flammen keine politischen Taten“*) ist dem siebten Kapitel mitgegeben. Eine Phrase, die sich auch heute gut auf Demonstrationen verwenden ließe: Kurz, knapp, plakativ, nicht zu widerlegen. Rudolph Bauer versammelt unter diesem Zitat Texte, mit denen er uns auffordert, unsere Komfortzone zu verlassen, aktiv zu werden. Um die altväterlich wirkenden Protestreime gegen das Kriegsmanöver defender 2020 („uniformträger laden wir ein – zechen mit ihnen burgunderwein – machen sie frank und offen – besoffen“ und das „Neues Manifest for future“ etwas aufzupeppen, biete ich gerne einige Demosprüche der letzten Zeit an. Z. B. „Pillepalle statt Klimaschutz“, „Let’s fuck each other, not mother earth“, „Früher war Fisch in der Packung, heute ist Packung im Fisch“, „Reiche Eltern für alle“ oder „Die Sonne fickt auch die Unwissenden.“

Die Bildcollagen, die den Kapiteln zugeordnet sind, unterstützen die Texte. Da ist (vermutlich) Eirene, die Friedensgöttin, die von einem Hinrichtungskommando der Wehrmacht erschossen wird; da sind Kinder mit Spielzeuggewehren, die vor großen Totenschädeln über den Boden robben, und preußische Soldaten treffen auf polierte menschliche Kampfpanzer. Der Autor verzichtet größtenteils auf die heutigen digitalen Möglichkeiten der Bildbearbeitung, so dass die Montagen in ihrer groben Struktur stark an John Heartfield erinnern. Durch das Aufeinanderprallen der Bildausschnitte entwickeln die Collagen eine eigene Dynamik, zerstören sie die geleckte Oberfläche und offenbaren die in ihnen enthaltene Aggressivität. Bis auf die Collagen zu Greta Thunberg und ihrem Skolstrejk, Julian Assange sowie Edward Snowden. Hier schwingt Sympathie mit.

*) Der Rezensent hat das Zitat nicht richtig wiedergegeben. Es lautet im Original: „Aus der Mündung der Kanonen flammen keine poetischen Taten“, nicht „keine politischen Taten“.

Zur Unzeit, gegeigt

Politische Lyrik und Bildmontagen
Lyrik & Poesie

Von Holdger Platta

Der Gedichtband „Zur Unzeit, gegeigt“ von Rudolph Bauer gehört zur Kategorie Politische Lyrik. Diese knüpft an bei Vorläufern wie Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, Bert Brecht und Günter Eich, Peter Hacks und Pablo Neruda. Die Nennung solcher Protagonisten kann irreführende Erwartungen wecken. Wie bei ihnen erhebt sich die poetische Stimme des Autors auch heute wieder „zur Unzeit“. Aber sie hat einen unverkennbar eigenen, eigenwilligen, eigensinnigen Klang. Ihr Sound – poetisch „gegeigt“ – ist unterfüttert mit historischer Kenntnis, politischer Klarheit und kritischer Schärfe.

Die Gedichtsammlung umfasst sechs Kapitel mit jeweils fünf Texten. Diese handeln von brandaktuellen Ereignissen wie dem militärischen Nato- und US-Manöver Defender Europe 2020. Sie erinnern an revolutionäre Aufbrüche in der Geschichte der Arbeiterbewegung und an die reaktionären Massaker durch Polizei und die preußische Soldateska. Zum Teil reichen sie auch zurück in die Antike. Oder sie nehmen politische Entscheidungen und Parteien zum Anlass – unseren Alltag, das heutige und das frühere Europa, Zeitungsnotizen, den Tod eines Künstler-Freundes.

Die Gedichtsammlung ist vielstimmig und stimmgewaltig. Sie lässt schroffe Verzweiflung spüren und heiße Wut, sarkastischen Zorn und schmerzliche Bitternis. Aber sie ist auch nicht ohne Hoffnung, nicht ohne den Ausblick auf Frieden und Glück. Zusätzlich zu den Gedichten enthält der Band politisch motivierte Bildmontagen des Autors. Dadurch erlangt die Gedicht- und Bildersammlung den Rang eines zeitgenössischen Anti-Dokuments – sich behauptend jenseits des herrschenden, bis zum Geschmack- und Belanglosen eingeebneten Plateaus von gesellschaftspolitischer Gleichgültigkeit und ästhetischer Affirmation in Literatur und Bildender Kunst.

Marxismus mit Musik

„Man muss diese versteinerten Verhältnisse zum Tanzen
zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt!“

(Karl Marx, 1844)

Ein bemerkenswerter neuer Gedichtband ist vorzustellen. Er stammt vom Bremer Künstler und Schriftsteller Rudolph Bauer, Jahrgang 1939, bis 2002 Professor für Wohlfahrtspolitik und Soziale Dienste an der Bremer Universität. Und schon der Titel dieser neuen Lyrik-Veröffentlichung hat es in sich: „Zur Unzeit, gegeigt“.

„Zur Unzeit, gegeigt“? –  Nun, wie Rudolph Bauer selber in einer seiner umfangreichen Anmerkungen zu seiner Publikation angibt, geht dieser Titel auf einen heute fast vergessenen Autor zurück, auf einen Schriftsteller, der sich bereits am Anfang der Weimarer Republik gegen den Militarismus zu engagieren begann, auf Otto Nebel (1892-1973), der eine literarische Veröffentlichung 1923/1924 mit der Überschrift „Unfeig. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt“ versehen hatte. Aber dieser Hinweis gibt natürlich gar nicht die mehrfache Doppelbödigkeit dieses Buchtitels von Bauer zu erkennen. Da muss man schon die Gedichte des Bremer Lyrikers gelesen haben, um am Ende zu erkennen, was es mit dieser Vierfach-Bedeutung des Titels „Zur Unzeit, gegeigt“ auf sich hat.

Artikel von Holdger Platta weiterlesen auf hinter-den-schlagzeilen.de

Zur Unzeit, gegeigt

Politische Lyrik und Bildmontagen von Rudolph Bauer

Der Gedichtband „Zur Unzeit, gegeigt“ von Rudolph Bauer gehört zur Kategorie Politische Lyrik. Diese knüpft an bei Vorläufern wie Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, Bert Brecht und Günter Eich, Peter Hacks und Pablo Neruda. Die Nennung solcher Protagonisten kann irreführende Erwartungen wecken. Wie bei ihnen erhebt sich die poetische Stimme des Autors auch heute wieder „zur Unzeit“. Aber sie hat einen unverkennbar eigenen, eigenwilligen, eigensinnigen Klang. Ihr Sound – poetisch „gegeigt“ – ist unterfüttert mit historischer Kenntnis, politischer Klarheit und kritischer Schärfe.

Die Gedichtsammlung umfasst sechs Kapitel mit jeweils fünf Texten. Diese handeln von brandaktuellen Ereignissen wie dem militärischen Nato- und US-Manöver Defender Europe 2020. Sie erinnern an revolutionäre Aufbrüche in der Geschichte der Arbeiterbewegung und an die reaktionären Massaker durch Polizei und die preußische Soldateska. Zum Teil reichen sie auch zurück in die Antike. Oder sie nehmen politische Entscheidungen und Parteien zum Anlass – unseren Alltag, das heutige und das frühere Europa, Zeitungsnotizen, den Tod eines Künstler-Freundes.

Die Gedichtsammlung ist vielstimmig und stimmgewaltig. Sie lässt schroffe Verzweiflung spüren und heiße Wut, sarkastischen Zorn und schmerzliche Bitternis. Aber sie ist auch nicht ohne Hoffnung, nicht ohne den Ausblick auf Frieden und Glück. Zusätzlich zu den Gedichten enthält der Band politisch motivierte Bildmontagen des Autors. Dadurch erlangt die Gedicht- und Bildersammlung den Rang eines zeitgenössischen Anti-Dokuments – sich behauptend jenseits des herrschenden, bis zum Geschmack- und Belanglosen eingeebneten Plateaus von gesellschaftspolitischer Gleichgültigkeit und ästhetischer Affirmation in Literatur und Bildender Kunst.
Holdger Platta

Seitenanzahl: 160
Größe: 14,8 cm x 21,0 cm
ISBN:
978-3-347-06297-9 (Paperback)
978-3-347-06298-6 (Hardcover)
978-3-347-06299-3 (e-Book)
Erscheinungsdatum: 26.05.2020

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Warum krächzt der Rabe

Prosa-, Flora- und Faunagedichte

Alois Segerer

Herausgegeben und mit Bildmontagen versehen von Rudolph Bauer

und uns nennt man glaub ich verseschmiede so ein
blödsinn dichter haben keine hämmer
das weiß doch jedes kind bestenfalls sind wir
eine kleine textschleiferei gmbh
wir feilen und feilen an unseren
wörtern bis sie kleine tödliche
kugeln sind

Alois Segerer (1938 bis 2015) war war „Rathaus-Redakteur“ bei der Münchner Abendzeitung. Seine Berichte, Reportagen und Glossen im Lokalteil der AZ wurden von einer großen Leser/innenschaft, auch außerhalb der bayerischen Landeshauptstadt, mit Vergnügen aufgenommen. Geboren ist Alois Segerer im oberpfälzischen Fuchsstein bei Amberg. Dort besuchte er das altsprachliche Humanistische Gymnasium (heute Erasmus-Gymnasium) und verdiente sich nach dem Abitur bei den Siemenswerken als Bürobote das Geld für sein Studium. Er belegte an der Ludwig-Maximilian-Universität zu München die Fächer Germa­nistik und Journalismus. Den letzteren machte er zu seinem Brotberuf, nicht ohne auch poetisch tätig zu sein und im Kreis seiner Münchner und Amberger Freundinnen und Freunde zu veröffentlichen. Posthum sind von ihm bereits zwei Gedichtbände und ein Band mit Aphorismen erschienen.

Die Herausgabe der Gedichte besorgte Rudolph Bauer, ein lebenslanger Freund von Alois Segerer seit den Tagen ihrer gemeinsamen Schulzeit am Humanistischen Gymnasium in Amberg. Bauer ist Schriftsteller, Maler und Politikwissenschaftler mit Professur an der Universität Bremen (1972–2002).

Seitenanzahl: 72
Größe: 14,8 cm x 21,0 cm
Erscheinungsdatum: 08.01.2020

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