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Erst Kriegsgebrüll, dann AfD

Ein Band mit Gedichten von Rudolph Bauer

Der Maler Heinrich Vogeler (1872-1942) schuf zwischen 1914 und 1934 von ihm so benannte „Komplexbilder“. Sie bestehen aus Kompositionen verschiedener Szenen, realistischen Darstellungen von Wirklichkeitsausschnitten, die einem bestimmten Thema untergeordnet sind. Die Gedichte, die der Bremer Sozialwissenschaftler und bildende Künstler Rudolph Bauer in seinem neunten Gedichtband „Aus gegebenem Anlass“ zusammengestellt hat,  können in Anlehnung an dieses Verfahren Komplexgedichte genannt werden: Sie sind mit einer gewissen Strenge einem zentralen Motiv untergeordnet, der Erhaltung von Frieden. Sie enthalten zugleich viele scharfe Beobachtungen und oft die Aufforderung, den Feinden von Frieden zu widerstehen und zu handeln.

Die Aufgeforderten sind verschieden, die von Bauer genannten Kriegsherren aus Vergangenheit und Gegenwart – auf diesem Gebiet finden sich keine Frauen – ähneln sich. Bauer befasst sich u. a. mit der „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms II. 1900 in Bremerhaven, mit dem deutschen Kolonialgeneral und der Bremer Lokalgröße Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) sowie mit „Deutschlands Prediger Gauck“. Aktuell und bissig wird es im letzten der acht Abschnitte, der denselben Titel wie das Buch trägt – z. B. so: „Aus der Natterngrube des Militarismus. im zeitlichen ablauf kam erst mal / das kriegsgebrüll dann a. f. d. / zunächst militärischer ernstfall / dann völkische brutalité / erst als fussvolk der nato marschieren / ‚mehr macht mehr verantwortung’ zählt / um dann sich stolz zu gerieren / als die menschenrechtsretter der welt / die tarnuniformierte von leyen /befehligt die mordbrennerschar / zur rettung der angeblich freien / der freiesten welt fürwahr / und identitäre sie schreien / das abendland sei in gefahr.“

Der gegebene Anlass ist der Zusammenhang von offizieller, moralisch verpackter Kriegspolitik und der lautstarken Begleitung durch „Retrofaschisten“. In einem anderen Gedicht heißt es zu dieser Verbindung: „die hass säen / bekämpft aber auch die / welche den hass militärisch / nutzen zum angriff“. Bauer nutzt sowohl die kleine Form und spießt SPD-Grüne-Feldherren im Dreizeiler auf: „Jugoslawien-Krieger. schröder und fischer / die rot-grüne panzerfaust / der gewaltlosen“. Verwendet aber auch die große: Den Band eröffnet eine über 14 Seiten gedruckte Adaption des letzten von Wolfgang Borchert (1921-1947) vor seinem Tod verfassten Textes „Dann gibt es nur eins“. Bauer ergänzt dessen Zeilen mit eigenen und stellt ihn unter die Überschrift „Es gilt noch immer“. Bei Borchert heißt es zu Beginn: „Du, Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“ Bauer setzt fort: „auch wenn sie keine befehle erteilen / sondern dir drohen / mit dem verlust des arbeitsplatzes / mit hartz-IV-schikanen / falls du dich weigerst / den marder herzustellen den leopard / tornados den eurofighter / kampfhubschrauber oder u-boote / fregatten korvetten / handfeuerwaffen und drohnen / dann gilt noch immer / nur eins.“

Thomas Metscher, der zu dem Band einen nuancierten, souverän argumentierenden Essay als Nachwort beigesteuert hat, bezeichnet zu recht einen Satz Klaus Manns, der einem der Abschnitte vorangestellt ist, als Bauers „schriftstellerisches Credo“: „Wer sich berufen glaubt, die Summe menschlicher Erfahrung durch das Wort auszudrücken, darf nicht die dringlichsten Probleme – die Organisation des Friedens, die Verteilung menschlicher Güter – vernachlässigen oder gar ignorieren.“ Metscher weist darauf hin, dass die Gedichte Bauers in einer „Traditionslinie politischer Dichtung neuen Typs“ stehen, die um 1800 entstand und mit den revolutionären Erhebungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts und der Arbeiterbewegung eine neue Qualität erhielt. Progressive politische Dichtung könne bis heute „nur eine solche sein, die den Idealen der Revolution Frankreichs die Treue hält, sie zugleich mit Impulsen verbindet, die der Arbeiterbewegung, der Oktoberrevolution und den antikolonialen Bewegungen“ entstamme. Vor allem aber: „Die Stellung zu Krieg und Frieden, heute wie einst, ist das politisch-ethische Grundkriterium für den Rang solcher Dichtung.“ Es gebe nicht viel an neuer deutschsprachiger Lyrik dieser Art. So füllten „die Texte Bauers nicht zuletzt auch eine Leerstelle aus“ und schlössen an Bewegungen an, „die weit über dem Niveau der hierzulande akkreditierten Literatur stehen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Arnold Schölzel

Rudolph Bauer/Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass. Gedichte und Essay.
Tredition GmbH, Hamburg 2018, 194 Seiten, Paperback 18,90 Euro, Hardcover 24,90 Euro, E-Book 2,99 Euro

Die Besprechung erscheint bei RotFuchs, Oktober 2019

Fogerl

Mundartlyrik und Fotografie

Alois Segerer

Herausgeber: Rudolph Bauer

Die Mundartgedichte von Alois Segerer (1938 bis 2015) setzen mit Bravour eine Tradition fort, die mit der österreichischen und bairischen Dialektliteratur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen hohen, auch literarisch bedeutsamen Bekanntheitsgrad erreicht hatte. Berühmt waren im deutschsprachigen Raum die Wiener Autoren H. C. Artmann, Gerhard Rühm und Wolfgang Bauer sowie die Schmäh-Kabarettisten Qualtinger, Merz, Bronner und Kreisler. Vorreiter im Bairischen waren das Autoren-Duo Carl Ludwig Reichert und Michael Fruth, der Verleger Friedl Brehm und die Münchner Autoren Ossi Sölderer, Felix Hörburger, Bernd Setzwein und Josef Wittmann.

Segerer stammte aus Fuchsstein, einem winzigen Dorf bei Amberg in der nordbayerischen Oberpfalz. Als Student der Germanistik und des Journalismus zog es ihn nach München, wo er beruflich als lokalpolitischer Redakteur beim Boulevardblatt „Abendzeitung“ zu glänzen vermochte. Zur eigenwilligen „Dialektik“ seiner begnadeten Mundartgedichte bemerkte er selbst, leicht übertreibend: „Fünfzig Jahre München haben logischerweise meinen oberpfälzer Hausdialekt ziemlich verhunzt. Es ist jetzt so eine Art Ober-Nieder-Hoch-Bairisch mit oberpfälzer Akzent.“ Der oberpfälzer Bluessound der Mundartlyrik Segerers –eine gelungene Hommage an den Ort und die Menschen seiner Herkunft –ist trotzdem deutlich vernehmbar.

Die originellen Mundartgedichte erörtern auf blitzartig erhellende Weise Volksweisheiten und Lebensschicksale. Sie besingen in skurriler und morbider Tonart die menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeiten. Liebe und Zuneigung, ob glücklich oder unglücklich, kommen zu Wort. Die Texte handeln vom Arbeiten, vom Handwerk und vom Alltag, von des Lebens Anfang und Ende. Reime sind nicht das Entscheidende dieser Poetik, sondern der Rhythmus, das Wortspiel und der Plot. Man sollte –man muß! –diese Gedichte nach Möglichkeit laut lesen.

Volkstümliche Idylle ist im „Fogerl“-Band nicht angesagt, sondern es wuchern die finsteren Schrecken und Scheußlichkeiten des modern modernden Alltags. Nicht heile Welt und Friede-Freude-Eiapopeia werden geboten, sondern tiefschwarzer Humor und morbider Underground. Vielfach und vielfältig sind Segerers Dialektgedichte autobiografisch kontaminiert. Der Band enthält außer den Texten noch eine den Band belebende Auswahl von Aufnahmen des Autors aus den Jahren 1996 bis 2001 –Fotos, die Segerers Blick für das Ungewöhnliche anschaulich bezeugen.

Die Herausgabe der Gedichte und Fotografien besorgte Rudolph Bauer, ein lebenslanger Freund von Alois Segerer seit den Tagen ihrer gemeinsamen Schulzeit am Humanistischen Gymnasium in Amberg. Bauer ist Schriftsteller, Maler und Politikwissenschaftler mit Professur an der Universität Bremen (1972–2002).

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„Aus gegebenem Anlass“ von Rudolph Bauer

Dr. Christian G. Pätzold (http://www.kuhlewampe.net)

In den zurückliegenden dreißig Jahren hatte es die politische Lyrik in Deutschland nicht leicht. Nachdem Erich Fried 1988 gestorben war, verfiel die politische Lyrik in Westdeutschland in ein Schlummerdasein. Das wurde noch vertieft durch das Aus der DDR 1990, denn dort gab es immerhin noch politische Lyrik. Sie war sogar angesehen und in den Volkseigenen Betrieben gab es Zirkel Schreibender ArbeiterInnen. Dann wurde die Industrie in Ostdeutschland entsorgt und mit ihr die politische Lyrik. In den 90er und Nuller Jahren grassierte der neoliberale Wahn und an fortschrittliche Lyrik war kaum zu denken. Angesichts dieser Vorgeschichte ist es erfreulich zu sehen, dass jetzt wieder politische Lyrik aufblüht, zum Beispiel mit dem schön gestalteten Buch »Aus gegebenem Anlass« von Rudolph Bauer.
Rudolph Bauer ist Politikwissenschaftler. Er war Professor an der Universität Bremen. Gleichzeitig ist er ein erfahrener Lyriker, der schon mehrere Gedichtbände veröffentlicht hat. Daher kann man einiges von ihm lernen. Zum Beispiel über den spielerischen Einsatz verschiedener Gedichtformen. Der Autor verwendet Haikus, Aphorismen, Distichen und Sonette. Auch Sprachspielerisches bis zum Poetry Slam. Auch der Rückblick in die Geschichte kommt häufig vor. Dabei muss man bedenken, dass sich politische Lyrik grundsätzlich von politischer Essayistik unterscheidet. Lyrik ist verknappt und kondensiert, während die Essayistik alle Aspekte eines Themas in Sätzen und Absätzen ausführlich ausleuchtet. Bei der Lyrik müssen die LeserInnen noch intensiver mitdenken, haben aber auch mehr Freiheit zu assoziieren.
Speziell politische Lyrik ist ein schwieriges Gebiet der Lyrik, weil der Autor bzw. die Autorin Stellung beziehen und damit automatisch ins Schussfeld der politischen Auseinandersetzung geraten. Daher sind die meisten LyrikerInnen viel zu ängstlich für politische Lyrik, besonders für linke politische Lyrik. Heute fragt man sich wieder, wann die Nazis in Deutschland die Wahlen gewinnen und an die Macht kommen, und wann man als Dichter wieder ins KZ gesperrt und gefoltert wird. Ein politischer Dichter zu sein ist in Deutschland bekanntlich lebensgefährlich. Politische Lyrik ist nur was für Mutige. Die Angsthasen schreiben lieber Naturlyrik oder Liebeslyrik. Wem es in der Küche zu heiß ist, sollte nicht Koch werden. Das gilt übrigens noch mehr für VerlegerInnen. Die haben die German Angst und Selbstzensur schon so verinnerlicht, dass sie politische Lyrik meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Bei Rudolph Bauer trifft man auf echte politische Lyrik, die nicht weichgespült ist. Thematisch ist das Buch sehr vielfältig, geht aber immer vom Denken der Friedensbewegung aus. Das Schwergewicht liegt auf Gedichten gegen den Krieg und gegen die Rüstung und Waffenexporte. Dem Buch voran gestellt ist ein Zitat von Bert Brecht aus der „Rede für den Frieden“ von 1952:
„Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“
In diesen Worten von Brecht kann man schon den scheinbaren Widerspruch erkennen: Man muss unfriedlich sein, um den Frieden zu erreichen.
Mehr am Rande werden weitere heiße Eisen wie die Geflüchteten, der Verfassungsschutz, Europa, Israel und der Islam angesprochen. Aber diese Themen haben letztlich auch etwas mit Krieg und Frieden zu tun. Etwas aus dem Rahmen fällt das Gedicht über den indischen Elefantengott Ganesha, bei dem man an die friedlichen Dickhäuter denken muss, die leider vom Aussterben bedroht sind, weil sie wegen ihres Elfenbeins abgeschossen werden. Eine weitere Gruppe bilden Gedichte auf Dichtergenossen.
Der Autor ist Kriegsgegner. Bundeswehrwerbung in Schulen ist ihm ein Graus. Gegen Ende das Buches findet sich noch ein Aufruf von Rudolph Bauer:
„schriftsteller/innen versagt nicht
steht auf und rebelliert
gegen die nazis verzagt nicht
schreibt an gegen sie unbeirrt“Den Abschluss des Buches bildet ein literaturgeschichtlicher Essay von Thomas Metscher über politische Lyrik. Summa Summarum: Ein interessantes Buch mit vielen Anregungen, vielleicht sogar ein Meilenstein der friedensbewegten Dichtung.Der Autor liest aus dem Buch in folgenden Youtube-Videos:
https://www.youtube.com/watch?v=WR-TSB6-dlg (Dauer: 9’18“).
https://youtu.be/Fnd0ijizOCw (7’18“).

Rudolph Bauer/Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass.
Gedichte und Essay. Hamburg 2018. tredition. 194 Seiten.
ISBN 978-3-7469-7155-1.

Bye Bye Blackbird

Gedichte und Haikus

Alois Segerer

Herausgeber: Rudolph Bauer
Illustratorin: Hanne Geng

Der Band „Bye Bye Blackbird“ enthält Gedichte und Jahreszeiten-Haikus von Alois Segerer (1938-2015). Bei den Gedichten handelt es sich um poetische Abhandlungen über weibliche und männliche Verkörperungen unserer Sternzeichen. Gekonnt vom Dichter in Szene gesetzt, bilden die Tierkreiszeichen-Gedichte einen astrologischen Zyklus von vierundzwanzig poetischen Texten aus gewitzter Menschenkenntnis und mild-boshaften Querschlägen, mit horoskopischem Hintersinn und schmunzelnder Ironie.

Jedes der Gedichte hat die Künstlerin Hanne Geng mit einer entzückenden Radierung geschmückt. Die filigranen Kunstgebilde lassen die Leser und Betrachter – den Mann wie die Frau – auf herausfordernde Weise nachsinnen über die stillen Geheimnisse und Untiefen ihres Horoskop-Schicksals. Eine Gedichtsammlung für Glaskugel-Fans und Zweifler! Das bibliophil schön gestaltete Buch sollte unbedingt auch immer dann zur Hand sein, wo es an einem geeigneten Geburtstagsgeschenk mangelt – oder wenn jemand hinter die glatte Fassade seines Gegenüber zu schauen wünscht.

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Aufklärerische Lyrik – Buchtipp von Hartmut Drewes

Rudolph Bauer / Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass, Gedichte und Essay

Rudolph Bauer schreibt „agitatorisch-programmatisch oder kritisch satirisch“. So formuliert es der Literaturwissenschaftler Thomas Metscher zu Beginn seines Essays zur Würdigung von Bauers Gedichten im neuen Band „Aus gegebenem Anlass“. Diese Lyrik sei, so Metscher, „auf Aktualität verpflichtet, hat also auch einen dokumentarischen Wert – was die Leistung, doch auch die Grenze solcher Literatur markiert“. Der Autor will mit seinen Gedichten anklagen, aufrütteln, entlarven. Er deckt die mit Worten und in Reden oft verschleierte kapital-, imperial- und militärisch-kriegerisch orientierte Politik auf. Er macht das oft in „ätzender“ Weise. Ähnlich wie die Säure bei der Herstellung einer Radierung, so geht er der uns umgebenden, geheuchelten oder verklärenden Politik auf den Grund. Seine Lyrik legt offen, worum es in Wirklichkeit geht. Sie ist aufklärerisch.

In seinen Texten lässt Rudolph Bauer auch andere zu Wort kommen, kursiv kenntlich gemacht im negativen wie positiven Sinn. So beispielsweise in dem Gedicht „Rede des Generals“. Das Gedicht zitiert Worte von Lettow-Vorbeck, die er bei der Einweihung des Reichskolonialdenkmals in Bremen 1932 gehalten hat. Bei Bauer heißt es unter anderem:

„ein großes volk
sagte er
muss kolonien haben
um leben zu können …

nicht nur um kultur
sagte er
zu verbreiten
nicht eine wertmission
ist die haupstache …

ohne kolonien
sagte er
muss ein blühendes
volk ersticken …“

Diese Redenpassagen legen nicht nur bloß, wie eiskalt die Kolonialpolitik gehandelt hat, sondern sie versetzen durch das Wort „wertmission“ den Leser und Hörer in unsere Gegenwart, in der mit dem Hinweis auf „westliche Werte“ Kriegseinsätze, z.B. in Afghanistan und Mali, gerechtfertigt werden. Genauso aufdeckend sind auch Haikus wie der folgende mit dem Titel „Franziskus“: „der papst nennt lager / für syrische flüchtende / auf lesbos k.z.“ Oder auch der Haiku „Wirtschaftspolitik“: „es rollt der rubel / der höchst sauer verdiente / immer nach oben“. In einem der „Frontberichte“-Haikus heißt es: „befehle zum krieg / dienen dem einen zweck nur / märkte erobern“.

Auch durch Wortspiele dringt Bauer vor zum Kern der Sache, so im Gedicht „Verfassungsschuttslam“. Durch das Aneinanderreihen von Worten wie „verfassungsschutz“, „verfassungsschutt“, „fassungslos“, „verfassungsmülllos“, „atommüllschutzlosverfassung“ wird deutlich, wie unzureichend die Verfassung, wie entbehrlich der Verfassungsschutz, wie gefährlich schutzlos der Atommüll gelagert wird. Ähnlich auch das Gedicht „Vom Schützenschützen der Verfassung“.

Eines der Gedichte ist eine Hommage auf Jannis Ritsos, den hierzulande weithin unbekannt gebliebenen griechischen Dichter. Er hat ein Leben lang unter den Torturen der Herrschenden leiden müssen, hat aber nie aufgegeben. Das Gedicht endet mit den Versen: „der tod bedeutet ihm / weniger als freiheit // erst kommt die freiheit / schrieb er / dann der tod.“

Die Verlogenheit der politischen Öffentlichkeit macht Rudolph Bauers Gedicht „Weihnachtskampagne“ deutlich. Er nimmt sarkastisch die 2007 gestartete „Social-Marketing-Kampagne“ von 25 Medienunternehmen aufs Korn, die mit „Du bist Deutschland“ auf ein positives Denken, verbunden mit einem neuen deutschen Nationalgefühl, abzielte. Der „Du bist …“-Spruch greift dabei bedenkenlos auf eine frühere, auf Hitler gemünzte Nazi-Parole zurück.

Das kurze Gedicht „Die Lerche“ schildert sehr lyrisch die Sehnsucht nach friedlich-schönem Leben, das leider in Gänze nicht zu haben ist und deswegen mit den Worten endet: „wir schlürfen verzweifelt gierig das leben“.

Über das „ätzende“ Aufdecken hinaus bringt solche Lyrik aber noch etwas anderes, das nicht zu unterschätzen ist: die Stärkung der wenigen, die im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit nicht nachlassen. Bauers Lyrik führt die zum Teil sehr vereinzelt für die gerechte Sache Denkenden und Handelnden zusammen, bekräftigt ihre solidarische Gemeinschaft, gibt ihnen das Bewusstsein und Gefühl, dass sie nicht allein sind. Das gibt ihnen Ansporn und Ermutigung.

Rudolph Bauers Gedichtband steht in der Tradition von Schriftstellern, die –  wie Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Ernst Jandl, Volker Braun, Günter Grass, Hilde Domin, Dorothee Sölle, Thomas Bernhard, Wolfdietrich Schnurre und Friedrich Dürrenmatt – mit Blick auf die politischen Verhältnisse in den 1960er Jahren sehr sensibel reagierten. Von solcher Sensibilität zeugen auch die Zitate Klaus Manns, die Bauer über die meisten Kapitel seines Gedichtbandes gesetzt hat – etwa: „Ein Schriftsteller, der politische Gegenstände in sein künstlerisches Schaffen einbeziehen will, muss an der Politik gelitten haben, ebenso tief und bitter, wie er an der Liebe gelitten haben muss, um über sie zu schreiben. Dies ist der Preis, billiger kommt er nicht weg“.

Das Leiden an der Politik und ihr Einbeziehen in sein literarisches Schaffen ist der wesentliche Beweggrund für die Entstehung von Rudolph Bauers Gedichtesammlung. Sie verdient es, nicht zuletzt auch von politisch interessierten Zeitgenossinnen und -genossen gelesen und in der Öffentlichkeit vorgetragen zu werden.

Hartmut Drewes

NRhZ-Online – Neue Rheinische Zeitung, 21. November 2018

Eine Besprechung gleichen Wortlauts erschien unter der Überschrift „Aufklärerische Lyrik“ in: OSSIETZKY 7 vom 6. April 2019 (22. Jahrgang), S. 257-259.

Siehe auch:

Aus der Bucherscheinung „Aus gegebenem Anlass“
18 Haikus gegen Retrofaschisten
Von Rudolph Bauer
NRhZ 682 vom 14.11.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25385

Engagierte Lyrik aus Bremen

Neue Verse von Rudolph Bauer

Als operative Lyrik bezeichnet der Literaturwissenschaftler Thomas Metscher in einem klugen Nachwort die engagierte Verse des Bremer Publizisten und vormaligen Professors für Sozialpädagogik Rudolph Bauer. Dessen Gedichte begleiteten die Geschichte der Arbeiterbewegung auch in formaler Hinsicht trefflich: kurz, konkret und einprägsam.

Tatsächlich wartet Bauer in seinem nunmehr neunten Gedichtband mit zeitgemäßen Preziosen eines Genres auf, das Ästhetik und Politisierung zu verbinden trachtet. „Aus gegebenem Anlass“ versammelt aktuelle Einlassungen zu Extremismus und Pazifismus, Politiker- und Medienjargon. Dabei durchzieht der kritische und aufklärerische Grundgestus die lakonischen Reflexionen auf denkbar unaufdringliche Weise. Nicht von ungefähr unternimmt der 79-Jährige eingangs ergiebige Zwiesprache mit Brüdern im Geiste wie Wolfgang Borchert und Bertolt Brecht.

Zum 200. Geburtstag jenes Märchens, in dem Bremen zumindest namentlich eine Rolle spielt, hat Bauer auch eine Gebrüder-Grimm-Adaption ins Programm gehoben: Er besingt eine „hoffnung welche besagt / dass das alter nicht vor dem Tode verzagt / dass gesang sogar räuber und feldherrn verjagt“, heißt es in „Neues Stadtmusikantenlied“ mit Blick auf den Rüstungsstandort an der Weser. Auch auf strukturelle Gewalt und familiäre Repressalien lenkt der Meister der kleinen Form ein ums andere Mal den Blick des Lesers. Etwa in der anrührenden Miniatur „Mutterliebe“, die variantenreich vom Knien eines Kindes auf Holzscheiten erzählt.
HENDRIK WERNER

Aus: Weser-Kurier vom 8. November 2018

 

Rudolph Bauer, Thomas Metscher
Aus gegebenem Anlass – Lyrik & Poesie

Hier erhältlich! Als Hardcover, Paperback und E-Book.

Aus gegebenem Anlass

Gedichte und Essay

Rudolph Bauer, Thomas Metscher
Lyrik & Poesie

Hier erhältlich! Als Hardcover, Paperback und E-Book.

Seit dem Ende der Aufklärung hatte die kulturelle Elite in Deutschland lange ein äußerst problematisches Verhältnis zum Politischen. Das zeigte sich nicht zuletzt in der abschätzigen Einstellung zu politischer Kunst. Dennoch gibt es im deutschen Sprachraum die Tradition engagierter Literatur, auch politischer Lyrik. Sie geht zurück auf das hohe Mittelalter, die Reformationszeit sowie auf die Arbeiter- und die Friedensbewegung. Für die Bundesrepublik lassen sich Erich Fried und Franz Josef Degenhardt nennen, für die DDR Franz Fühmann, Peter Hacks, Heiner Müller und Volker Braun.

Rudolph Bauers Gedichtband ist vielfach mit dieser Tradition verbunden. Bereits der Titel Aus gegebenem Anlass gibt die operative Programmatik vor. Formal und inhaltlich schließen die Gedichte an klassische Vorbilder der situationsgebundenen Dichtung an: in ihrer Prägnanz und dem packenden Zugriff des Verfahrens, der Einfachheit und Konkretion von Stil und Strophenform. „Es ist eine Einfachheit, die die Komplexität einschließt“, bemerkt Literaturwissenschaftler Thomas Metscher in einem erklärenden Essay am Schluss des Gedichtbandes.

Bauers Poesie verbindet Gegenwärtiges und Vergangenes. Treffend verweist Metscher darauf, wie ungebrochen die in den Texten zum Ausdruck gebrachte Macht der Tradition hineinwirkt in unsere Gegenwart. Dieser Gesichtspunkt berühre das Herzstück der Texte: „Immer wieder und immer neu geht es um die Gegenwart des Vergangenen: die Kontinuität von Militarismus, imperialer Gewaltpolitik und die Rolle der Ideologien in ihnen; von Kolonialismus, Faschismus, ihrer Restauration in der Bundesrepublik Deutschland.“

Es geht nicht mehr nur um das Hier und Jetzt der deutschen Gegenwart als Wiederkehr von Vergangenem. Die lyrische Bedeutung der Gedichte erschließt grenzüberschreitend Bilder und Gedanken sowohl aus dem Erfahrungsarchiv anderer Kulturen als auch des Zukünftigen. Indem die utopische Dimension aufscheint, überwindet politische Dichtung das Hier und Jetzt.

Besprechungen des Bandes hier.

Lesung mit Gedichten aus den Jahren 1918 ff.

„Es lebe der Frieden!“ – Novemberrevolution und Rätebewegung 1918

am 4. November 2018 (Sonntag) um 17:00 Uhr; Ort: Villa Ichon, Goetheplatz, Raum 5 (Ausstellungsräume der Bilder „Das Karma der Wände“ von Ulrich Schwecke)

Am 4. November vor einhundert Jahren erhoben sich die Kieler Matrosen und forderten den Frieden. Das Datum markiert den Anfang der Novemberrevolution 1918. Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte standen am Beginn der demokratischen Entwicklung in Deutschland. Sie erreichten das Ende des Krieges, die Abschaffung der Monarchie, den 8-Stunden-Tag und die Einführung sowohl der Rede- und Pressefreiheit als auch des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts für Männer und Frauen.

Zur Erinnerung an die Rätebewegung sowie zur Feier des Friedens und der demokratischen Errungenschaften der Novemberrevolution findet am Sonntag, den 4. November, um 17 Uhr in der Villa Ichon eine Lesung statt. Es werden Texte aus der Zeit der Rätebewegung vorgetragen: Erinnerungen an die Grausamkeiten des Weltkrieges, Beispiele für die politischen Hoffnungen und sozialen Erwartungen der Arbeiter und Soldaten, aber auch Rückblicke auf die Gründe für die Niederlage der revolutionären Bewegung und für das an ihren Verteidigern verübte Massaker, welches auch in Bremen seine Blutspuren hinterlassen hat.

Gelesen werden Texte von Revolutionären wie Kurt Eisner, Erich Mühsam, Ernst Toller und Karl Liebknecht. Die tödliche Fratze des Krieges zeigt sich in Gedichten und Kurzprosa von Arno Holz, Kurt Schwitters, Otto Nebel, Karl Kraus und Carl Einstein. Aus der Rückschau äußern sich Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Alfred Döblin. Die Werke all der genannten Schriftsteller wurden nur 15 Jahre später nach der Novemberrevolution, am 10. Mai 1933, von den Nazis verbrannt. Auch daran soll die Lesung angesichts erneuter faschistischer Verbrechen sowie der ihnen dienstbaren Ideologien und Institutionen erinnern und einen Beitrag zum Widerstand dagegen leisten.

Zum Besuch der Lesung, die auf Initiative des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller stattfindet und in Kooperation mit dem Bremischen Literaturkontor ermöglicht wird, laden die sieben Mitglieder des Lesekollektivs, ferner das Bremer Friedensforum und das Literarische Quartier (LitQ) ein.

Der Eintritt ist frei.