Aufklärerische Lyrik – Buchtipp von Hartmut Drewes

Rudolph Bauer / Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass, Gedichte und Essay

Rudolph Bauer schreibt „agitatorisch-programmatisch oder kritisch satirisch“. So formuliert es der Literaturwissenschaftler Thomas Metscher zu Beginn seines Essays zur Würdigung von Bauers Gedichten im neuen Band „Aus gegebenem Anlass“. Diese Lyrik sei, so Metscher, „auf Aktualität verpflichtet, hat also auch einen dokumentarischen Wert – was die Leistung, doch auch die Grenze solcher Literatur markiert“. Der Autor will mit seinen Gedichten anklagen, aufrütteln, entlarven. Er deckt die mit Worten und in Reden oft verschleierte kapital-, imperial- und militärisch-kriegerisch orientierte Politik auf. Er macht das oft in „ätzender“ Weise. Ähnlich wie die Säure bei der Herstellung einer Radierung, so geht er der uns umgebenden, geheuchelten oder verklärenden Politik auf den Grund. Seine Lyrik legt offen, worum es in Wirklichkeit geht. Sie ist aufklärerisch.

In seinen Texten lässt Rudolph Bauer auch andere zu Wort kommen, kursiv kenntlich gemacht im negativen wie positiven Sinn. So beispielsweise in dem Gedicht „Rede des Generals“. Das Gedicht zitiert Worte von Lettow-Vorbeck, die er bei der Einweihung des Reichskolonialdenkmals in Bremen 1932 gehalten hat. Bei Bauer heißt es unter anderem:

„ein großes volk
sagte er
muss kolonien haben
um leben zu können …

nicht nur um kultur
sagte er
zu verbreiten
nicht eine wertmission
ist die haupstache …

ohne kolonien
sagte er
muss ein blühendes
volk ersticken …“

Diese Redenpassagen legen nicht nur bloß, wie eiskalt die Kolonialpolitik gehandelt hat, sondern sie versetzen durch das Wort „wertmission“ den Leser und Hörer in unsere Gegenwart, in der mit dem Hinweis auf „westliche Werte“ Kriegseinsätze, z.B. in Afghanistan und Mali, gerechtfertigt werden. Genauso aufdeckend sind auch Haikus wie der folgende mit dem Titel „Franziskus“: „der papst nennt lager / für syrische flüchtende / auf lesbos k.z.“ Oder auch der Haiku „Wirtschaftspolitik“: „es rollt der rubel / der höchst sauer verdiente / immer nach oben“. In einem der „Frontberichte“-Haikus heißt es: „befehle zum krieg / dienen dem einen zweck nur / märkte erobern“.

Auch durch Wortspiele dringt Bauer vor zum Kern der Sache, so im Gedicht „Verfassungsschuttslam“. Durch das Aneinanderreihen von Worten wie „verfassungsschutz“, „verfassungsschutt“, „fassungslos“, „verfassungsmülllos“, „atommüllschutzlosverfassung“ wird deutlich, wie unzureichend die Verfassung, wie entbehrlich der Verfassungsschutz, wie gefährlich schutzlos der Atommüll gelagert wird. Ähnlich auch das Gedicht „Vom Schützenschützen der Verfassung“.

Eines der Gedichte ist eine Hommage auf Jannis Ritsos, den hierzulande weithin unbekannt gebliebenen griechischen Dichter. Er hat ein Leben lang unter den Torturen der Herrschenden leiden müssen, hat aber nie aufgegeben. Das Gedicht endet mit den Versen: „der tod bedeutet ihm / weniger als freiheit // erst kommt die freiheit / schrieb er / dann der tod.“

Die Verlogenheit der politischen Öffentlichkeit macht Rudolph Bauers Gedicht „Weihnachtskampagne“ deutlich. Er nimmt sarkastisch die 2007 gestartete „Social-Marketing-Kampagne“ von 25 Medienunternehmen aufs Korn, die mit „Du bist Deutschland“ auf ein positives Denken, verbunden mit einem neuen deutschen Nationalgefühl, abzielte. Der „Du bist …“-Spruch greift dabei bedenkenlos auf eine frühere, auf Hitler gemünzte Nazi-Parole zurück.

Das kurze Gedicht „Die Lerche“ schildert sehr lyrisch die Sehnsucht nach friedlich-schönem Leben, das leider in Gänze nicht zu haben ist und deswegen mit den Worten endet: „wir schlürfen verzweifelt gierig das leben“.

Über das „ätzende“ Aufdecken hinaus bringt solche Lyrik aber noch etwas anderes, das nicht zu unterschätzen ist: die Stärkung der wenigen, die im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit nicht nachlassen. Bauers Lyrik führt die zum Teil sehr vereinzelt für die gerechte Sache Denkenden und Handelnden zusammen, bekräftigt ihre solidarische Gemeinschaft, gibt ihnen das Bewusstsein und Gefühl, dass sie nicht allein sind. Das gibt ihnen Ansporn und Ermutigung.

Rudolph Bauers Gedichtband steht in der Tradition von Schriftstellern, die –  wie Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Ernst Jandl, Volker Braun, Günter Grass, Hilde Domin, Dorothee Sölle, Thomas Bernhard, Wolfdietrich Schnurre und Friedrich Dürrenmatt – mit Blick auf die politischen Verhältnisse in den 1960er Jahren sehr sensibel reagierten. Von solcher Sensibilität zeugen auch die Zitate Klaus Manns, die Bauer über die meisten Kapitel seines Gedichtbandes gesetzt hat – etwa: „Ein Schriftsteller, der politische Gegenstände in sein künstlerisches Schaffen einbeziehen will, muss an der Politik gelitten haben, ebenso tief und bitter, wie er an der Liebe gelitten haben muss, um über sie zu schreiben. Dies ist der Preis, billiger kommt er nicht weg“.

Das Leiden an der Politik und ihr Einbeziehen in sein literarisches Schaffen ist der wesentliche Beweggrund für die Entstehung von Rudolph Bauers Gedichtesammlung. Sie verdient es, nicht zuletzt auch von politisch interessierten Zeitgenossinnen und -genossen gelesen und in der Öffentlichkeit vorgetragen zu werden.

Hartmut Drewes

NRhZ-Online – Neue Rheinische Zeitung, 21. November 2018

Siehe auch:

Aus der Bucherscheinung „Aus gegebenem Anlass“
18 Haikus gegen Retrofaschisten
Von Rudolph Bauer
NRhZ 682 vom 14.11.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25385

Engagierte Lyrik aus Bremen

Neue Verse von Rudolph Bauer

Als operative Lyrik bezeichnet der Literaturwissenschaftler Thomas Metscher in einem klugen Nachwort die engagierte Verse des Bremer Publizisten und vormaligen Professors für Sozialpädagogik Rudolph Bauer. Dessen Gedichte begleiteten die Geschichte der Arbeiterbewegung auch in formaler Hinsicht trefflich: kurz, konkret und einprägsam.

Tatsächlich wartet Bauer in seinem nunmehr neunten Gedichtband mit zeitgemäßen Preziosen eines Genres auf, das Ästhetik und Politisierung zu verbinden trachtet. „Aus gegebenem Anlass“ versammelt aktuelle Einlassungen zu Extremismus und Pazifismus, Politiker- und Medienjargon. Dabei durchzieht der kritische und aufklärerische Grundgestus die lakonischen Reflexionen auf denkbar unaufdringliche Weise. Nicht von ungefähr unternimmt der 79-Jährige eingangs ergiebige Zwiesprache mit Brüdern im Geiste wie Wolfgang Borchert und Bertolt Brecht.

Zum 200. Geburtstag jenes Märchens, in dem Bremen zumindest namentlich eine Rolle spielt, hat Bauer auch eine Gebrüder-Grimm-Adaption ins Programm gehoben: Er besingt eine „hoffnung welche besagt / dass das alter nicht vor dem Tode verzagt / dass gesang sogar räuber und feldherrn verjagt“, heißt es in „Neues Stadtmusikantenlied“ mit Blick auf den Rüstungsstandort an der Weser. Auch auf strukturelle Gewalt und familiäre Repressalien lenkt der Meister der kleinen Form ein ums andere Mal den Blick des Lesers. Etwa in der anrührenden Miniatur „Mutterliebe“, die variantenreich vom Knien eines Kindes auf Holzscheiten erzählt.
HENDRIK WERNER

Aus: Weser-Kurier vom 8. November 2018

 

Rudolph Bauer, Thomas Metscher
Aus gegebenem Anlass – Lyrik & Poesie

Hier erhältlich! Als Hardcover, Paperback und E-Book.

Aus gegebenem Anlass

Gedichte und Essay

Rudolph Bauer, Thomas Metscher
Lyrik & Poesie

Hier erhältlich! Als Hardcover, Paperback und E-Book.

Seit dem Ende der Aufklärung hatte die kulturelle Elite in Deutschland lange ein äußerst problematisches Verhältnis zum Politischen. Das zeigte sich nicht zuletzt in der abschätzigen Einstellung zu politischer Kunst. Dennoch gibt es im deutschen Sprachraum die Tradition engagierter Literatur, auch politischer Lyrik. Sie geht zurück auf das hohe Mittelalter, die Reformationszeit sowie auf die Arbeiter- und die Friedensbewegung. Für die Bundesrepublik lassen sich Erich Fried und Franz Josef Degenhardt nennen, für die DDR Franz Fühmann, Peter Hacks, Heiner Müller und Volker Braun.

Rudolph Bauers Gedichtband ist vielfach mit dieser Tradition verbunden. Bereits der Titel Aus gegebenem Anlass gibt die operative Programmatik vor. Formal und inhaltlich schließen die Gedichte an klassische Vorbilder der situationsgebundenen Dichtung an: in ihrer Prägnanz und dem packenden Zugriff des Verfahrens, der Einfachheit und Konkretion von Stil und Strophenform. „Es ist eine Einfachheit, die die Komplexität einschließt“, bemerkt Literaturwissenschaftler Thomas Metscher in einem erklärenden Essay am Schluss des Gedichtbandes.

Bauers Poesie verbindet Gegenwärtiges und Vergangenes. Treffend verweist Metscher darauf, wie ungebrochen die in den Texten zum Ausdruck gebrachte Macht der Tradition hineinwirkt in unsere Gegenwart. Dieser Gesichtspunkt berühre das Herzstück der Texte: „Immer wieder und immer neu geht es um die Gegenwart des Vergangenen: die Kontinuität von Militarismus, imperialer Gewaltpolitik und die Rolle der Ideologien in ihnen; von Kolonialismus, Faschismus, ihrer Restauration in der Bundesrepublik Deutschland.“

Es geht nicht mehr nur um das Hier und Jetzt der deutschen Gegenwart als Wiederkehr von Vergangenem. Die lyrische Bedeutung der Gedichte erschließt grenzüberschreitend Bilder und Gedanken sowohl aus dem Erfahrungsarchiv anderer Kulturen als auch des Zukünftigen. Indem die utopische Dimension aufscheint, überwindet politische Dichtung das Hier und Jetzt.

 

Lesung mit Gedichten aus den Jahren 1918 ff.

„Es lebe der Frieden!“ – Novemberrevolution und Rätebewegung 1918

am 4. November 2018 (Sonntag) um 17:00 Uhr; Ort: Villa Ichon, Goetheplatz, Raum 5 (Ausstellungsräume der Bilder „Das Karma der Wände“ von Ulrich Schwecke)

Am 4. November vor einhundert Jahren erhoben sich die Kieler Matrosen und forderten den Frieden. Das Datum markiert den Anfang der Novemberrevolution 1918. Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte standen am Beginn der demokratischen Entwicklung in Deutschland. Sie erreichten das Ende des Krieges, die Abschaffung der Monarchie, den 8-Stunden-Tag und die Einführung sowohl der Rede- und Pressefreiheit als auch des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts für Männer und Frauen.

Zur Erinnerung an die Rätebewegung sowie zur Feier des Friedens und der demokratischen Errungenschaften der Novemberrevolution findet am Sonntag, den 4. November, um 17 Uhr in der Villa Ichon eine Lesung statt. Es werden Texte aus der Zeit der Rätebewegung vorgetragen: Erinnerungen an die Grausamkeiten des Weltkrieges, Beispiele für die politischen Hoffnungen und sozialen Erwartungen der Arbeiter und Soldaten, aber auch Rückblicke auf die Gründe für die Niederlage der revolutionären Bewegung und für das an ihren Verteidigern verübte Massaker, welches auch in Bremen seine Blutspuren hinterlassen hat.

Gelesen werden Texte von Revolutionären wie Kurt Eisner, Erich Mühsam, Ernst Toller und Karl Liebknecht. Die tödliche Fratze des Krieges zeigt sich in Gedichten und Kurzprosa von Arno Holz, Kurt Schwitters, Otto Nebel, Karl Kraus und Carl Einstein. Aus der Rückschau äußern sich Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Alfred Döblin. Die Werke all der genannten Schriftsteller wurden nur 15 Jahre später nach der Novemberrevolution, am 10. Mai 1933, von den Nazis verbrannt. Auch daran soll die Lesung angesichts erneuter faschistischer Verbrechen sowie der ihnen dienstbaren Ideologien und Institutionen erinnern und einen Beitrag zum Widerstand dagegen leisten.

Zum Besuch der Lesung, die auf Initiative des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller stattfindet und in Kooperation mit dem Bremischen Literaturkontor ermöglicht wird, laden die sieben Mitglieder des Lesekollektivs, ferner das Bremer Friedensforum und das Literarische Quartier (LitQ) ein.

Der Eintritt ist frei.

Kunst now!

Bremer KünstlerInnen präsentieren ihre Werke

18. Mai bis 14 Juli 2018
Freitags 15–19 Uhr und Samstags 12–18 Uhr

Vernissage am Samstag, den 12. Mai 2018 um 18 Uhr

Mit Werken von Conny Himme, A. V. Müller, Neeharika Hossain, Rudolph Bauer und Onil Hossain

ARTsixty! Art of Life Galerie
Martinistraße 60
28195 Bremen
www.artsixty.de

Wie Luzifer aus dem Himmel

Segerers Aphorismen

„Wie Luzifer aus dem Himmel“ heißt der Titel einer Aphorismen-Sammlung aus dem Büro Wilhelm Verlag in Amberg. Verfasser ist Alois Segerer (1938-2015), der ehemalige Rathausreporter der Münchner Abendzeitung. Ausgewählt, zusammengestellt, mit Überschriften und einem Vorwort versehen hat den Aphorismen-Band Rudolph Bauer, Segerers Freund aus der gemeinsamen Amberger Schulzeit am Humanistischen (heute Erasmus-)Gymnasium.

Quelle der bibliophil gestalteten Aphorismen-Sammlung sind fünf Notizbücher aus dem Nachlass von Alois Segerer. In diesen Quartheften hat „Sesch“, beginnend in den 1960er-Jahren, mit spitzer, aber leichter Feder vielfältige Gedanken, Wortspiele, Spontaneinfälle und Fundstücke aufgespießt und festgehalten. Dabei geht es dem Aphoristiker nicht allein um Politisches und Öffentliches, sondern um nahezu sämtliche Facetten des Lebens, der Gesellschaft und des Kosmos – um Gott und die Welt. Seine Gedankensplitter zeigen den Autor in scharfsinniger Selbstbeobachtung als Kind und Jugendlichen, als Liebenden und Verliebten, als Dichter und Leser, im Alter und angesichts der Sterblichkeit.

Ermöglicht wurde die Herausgabe von „Segerers Aphorismen“ – so der Untertitel des Bandes – durch die Subskriptionsbereitschaft von Freunden, Gönnern und Kollegen aus Amberg, München, Bremen und vielen anderen Orten, wo Menschen mit Bezug zum Autor und zum Herausgeber leben und es zu schätzen wissen, was Aphorismen ausmacht: brillante Geistesblitze und ironische Topoi, akrobatische Wortjonglage und melancholische Redensarten, lockere Sprüche und bittere Wahrheiten, fein Gesponnenes und spöttische Sarkasmen. Ein Buch, in dem lesend zu blättern ein Vergnügen mit Abstürzen bereitet.

Wie Luzifer aus dem Himmel. Segerers Aphorismen. Ausgewählt, zusammengestellt, mit Überschriften und einem Vorwort versehen von Rudolph Bauer (Hrsg.). Foto: Uli Wähner. Amberg: Büro Wilhelm Verlag 2017. 56 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-943242-82-9