im wirren irrenhaus des kapitals

Buchtipp: Rudolph Bauer: »Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen«

Von Dr. Christian G. Pätzold – kuhlewampe.net  2020/09/10

Vor kurzem ist ein neues Buch mit fortschrittlicher politischer Lyrik von Rudolph Bauer erschienen: »Zur Unzeit, gegeigt«. Einige Gedichte in dem Buch sind den LeserInnen von kuhlewampe.net schon bekannt, da sie in den vergangenen Monaten hier gepostet wurden. Außerdem enthält das Buch farbige Bildmontagen von Rudolph Bauer in der Tradition von John Heartfield, von denen auf kuhlewampe.net auch schon Beispiele erschienen sind. Das Schreiben von politischen Gedichten und die Herstellung von Bildcollagen sind aber nur zwei Aspekte der vielseitigen Aktivitäten von Rudolph Bauer. Rudolph Bauer ist nicht nur ein Meister in der Dichtkunst und der visuellen Kunst, sondern auch Sozialwissenschaftler und tagespolitisch engagiert. Die Mischung von Gedichten und politischen Bildmontagen passt sehr gut zusammen, macht das Buch abwechslungsreich und visuell interessant. Überhaupt ist das Layout des Buches liebevoll und großzügig gestaltet, so dass es als kleines Kunstwerk betrachtet werden kann.

Auch der Titel des Buches »Zur Unzeit, gegeigt« klingt originell und bringt einen erstmal zum Nachdenken. Der Titel erscheint mir sehr treffend. Wir leben tatsächlich in einer Un-Zeit, in einer schrecklichen Zeit des digitalen Überwachungskapitalismus, der weltweiten Seuchen, der globalen Klimakatastrophe und der alltäglichen atomaren Bedrohung. Dafür sind Menschen und die politisch Handelnden verantwortlich, die von Rudolph Bauer auch genannt werden. „wir harren aus / im wirren irrenhaus / des kapitals.“

Die Hauptthemen von Rudolph Bauers Gedichten sind einerseits die deutsche Geschichte und was in ihr alles schief gelaufen ist (sehr viel, gelernt hat man sehr wenig). Sein zweites Hauptthema sind Militarismus, Krieg und Unterdrückung, und der Aufruf, etwas dagegen zu tun. Diese Themen standen schon in seinem vorhergehenden Gedichtbuch »Aus gegebenem Anlass« von 2018 im Mittelpunkt. Seht bitte die Besprechung des Buches vom 2019/05/24 auf kuhlewampe.net.

Es gibt nicht so viele Bücher mit sozialistischer politischer Lyrik, die in Deutschland pro Jahr erscheinen. Vielleicht liegt die Anzahl im niedrigen zweistelligen Bereich. Dafür gibt es viele Gründe. Aber schon weil es so wenig politische Lyrik gibt, ist jedes Buch ein seltenes Juwel und das Buch von Rudolph Bauer im Besonderen eine bibliophile Rarität. Und ein Seismograf der aktuellen politischen Auseinandersetzungen und Debatten. Rudolph Bauer hat viele Bösewichter identifiziert. Insgesamt ist es ein provozierendes Buch, das zum Nachdenken anregt.

Hier noch ein Gedicht von Rudolph Bauer aus dem Buch:

Rudolph Bauer
Kein Blut für Öl

Frei nach dem Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan

schwarzes öl der wüste sie schlürfen es abends
sie schlürfen es mittags und morgens sie schlürfen es nachts
sie schlürfen und schlürfen
sie schürfen ein grab in den lüften da liegt man nicht eng
gewalt wohnt im haus sie spielt mit den bomben befiehlt
befiehlt wenn es dunkelt dem totland
dein goldenes haar margaretchen

befiehlt es und tritt vor das haus und es blitzen kanonen
sie pfeift die soldaten herbei
sie pfeift ihre juden hervor lässt schürfen ein loch in den boden
sie befiehlt uns spielt auf nun zum tanz

schwarzes öl der wüste sie schlürfen dich nachts
sie schlürfen dich morgens und mittags sie schlürfen dich abends
sie schürfen und schlürfen
gewalt wohnt im haus sie spielt mit den bomben befiehlt
befiehlt wenn es dunkelt dem totland
dein goldenes haar margaretchen

dein aschgraues haar sulamith

sie schürfen ein grab in den lüften da liegt man nicht eng
sie schreit bombt tiefer ins erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
sie drückt auf den mordknopf alles erstirbt ihre augen sind blau
bombt tiefer ins erdreich ihr einen ihr anderen spielt weiter zum tanz auf

schwarzes öl der wüste sie schlürfen es nachts
sie schlürfen es mittags und morgens sie schlürfen es abends
sie schlürfen und schürfen
gewalt wohnt im haus dein goldenes haar margaretchen
dein aschgraues haar sulamith sie spielt mit den bomben befiehlt

sie ruft spielt süßer den tod der tod ist ein meister der nato
sie ruft streicht dunkler die geigen dann steigt ihr verwest in die luft
dann habt ihr ein grab in den sphären da liegt ihr nicht eng

schwarzes öl der wüste sie schlürfen dich abends
sie schlürfen dich mittags der tod ist ein meister der nato
sie schlürfen dich abends und morgens sie schürfen und schürfen
der tod ist ein meister der nato ihr auge ist blau
sie trifft uns mit bleierner kugel sie trifft uns genau
gewalt wohnt im haus dein goldenes haar margaretchen
sie hetzt die soldaten auf uns sie schenkt uns ein grab in der luft
sie spielt mit den bomben und träumet der tod ist ein meister der nato

dein goldenes haar margaretchen
dein aschgraues haar sulamith

Rudolph Bauer: Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen
Hamburg 2020. tredition. 160 Seiten
ISBN 978-3-347-06297-9

http://www.kuhlewampe.net

Notwendig: Politische Lyrik

Das neue Buch von Rudolph Bauer ist stimmgewaltig

Von Herbert Becker

Der Bremer Künstler und Schriftsteller Rudolph Bauer hat seinen mittlerweile 9. Gedichtband vorgelegt. Bauer, Jahrgang 1939, war in seinem Brotberuf Wissenschaftler, er lehrte und forschte als Professor für Wohlfahrtspolitik und Soziale Dienste bis 2002 an der Universität Bremen. Daneben war und ist er – viel zu wenig bekannt – künstlerisch aktiv. Die neue Veröffentlichung ist schon als Fakt selbst zu würdigen, denn die Aussicht auf größere mediale Öffentlichkeit und noch viel mehr auf ein wirtschaftliches Ergebnis ist sicherlich gering. Diese Tapferkeit gegenüber den widrigen Umständen, was Aufmerksamkeit für Lyrik, besonders solche, die mit Fug und Recht als „politische Lyrik“ zu bezeichnen ist, soll vorneweg gelobt werden.

Schon der Titel des neuen Buches ist ein deutlicher Fingerzeig: Von Otto Nebel, einem Künstler der frühen Moderne, gibt es ein Buch mit dem Titel „Unfeig. Eine Neue-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt“. Daran erinnert Rudolph Bauer und verweist gleichzeitig mit seinem Lyrik-Band auf Kontinuitäten humanistischer, demokratischer Kunst in Deutschland. Sein Band trägt den Titel „Zur Unzeit, gegeigt“ und den Untertitel „Politische Lyrik und Bildmontagen“. Auf rund 150 Seiten versammelt er kurze und längere Gedichte und verteilt im ganzen Buch eine Reihe von Bildmontagen und Collagen, die nicht verstanden werden sollten als schmückendes Beiwerk, sondern einen eigenständigen, sehr aussagekräftigen Gehalt haben. Die Haltung von Rudolph Bauer ist klar und deutlich: Man kann nicht schweigen, wenn Mord, Kriegsgefahr, Unterdrückung und Ausgrenzung zum alltäglichen Geschäft der Herrschenden in den imperialistischen Staaten gehören. Es mag sich zwar resignativ anhören, wenn er im Gedicht „Unser Schwert“ schreibt „eine stumpfe klinge ist das lied/verwundet nicht warnt/dass uns gefahren drohen/durch drohnen“ oder auch „ein schreckschuss ist der song/nur eine warnung ist er/ dass wir etwas furcht kriegen/vor kriegen“. Dagegen hält er selbst, wenn er im Text „Kunst, Wahrheit und Politik“ sagt „den kolossalen widrigkeiten/zum trotz sind unbeirrbar wir jedoch/entschlossen die wahrheit/auszusprechen die wahrheit zwingend/wieder herzustellen die würde/des menschen“. Rudolph Bauer nimmt das Kampfwort „Aufstehen“ ernst, wenn er im gleichnamigen Gedicht deutlich wird „die privatisierung kennt keine grenzen/zur ware wird nunmehr alles selbst/wissenschaft kunst und kultur/geplündert wird der planet“. Den Zorn alter, weisser Männer, der ja gerne abgetan wird als hilfloses Wüten und Verweisen auf frühere Kämpfe, vermag der Rezensent nicht zu spüren, wenn Bauer im Text „Eine Zeitungsnotiz lesen“ aufmerksam macht „in frankreich haben lese ich die aktivisten/mit barrikaden den haupteingang von/blackrock der finanzhyäne abgesperrt/singend die lieder ihrer gewerkschaft“ und abschließend die Morgenröte benennt mit den Worten „geschichte steht nicht still und sie ver/harrt nicht auf den abstellgleisen weil/nichts so bleiben können wird wie es/gewesen das lehrt uns die geschichte“. Unverständlich bleibt für den Autor dieser Zeilen, warum Bauer einen Text „Kein Blut für Öl“ in Form und Rhythmus dem bekannten Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan nachempfunden hat. Das singuläre Ereignis des millionenfachen Mordes in Auschwitz ist nicht so ohne weiteres gleichzusetzen mit den Kriegen und der Gewalt, die mit der Ausbeutung der Bodenschätze durch Konzerne und ihre Regierungen einhergehen. Zeilen wie „schwarzes gold der wüste sie schlürfen dich abends/sie schlürfen dich mittags der tod ist ein meister/der nato“ sind eher bemüht und weniger gekonnt.

Eigenständig und doch integriert in die Gesamtkomposition des Bandes wirken die Bildmontagen und Collagen, die Rudolph Bauer geschaffen hat. Sie stehen in der Tradition von Künstlern wie John Heartfield, seine Ausschnitte bekannter Pressebilder mit verstörend wirkenden Bearbeitungen durch das „Montieren“ nicht dazugehöriger, aber deshalb umso passender fremder Bilder und Fotos zeigen Rudolph Bauer auch als Meister dieser künstlerischen Techniken. Diesem Teil des Buches sei gewünscht, dass Galerien oder Museen eine Ausstellung damit machen würden und viele Besucherinnen und Besucher einen Zugang zu diesen Arbeiten bekommen könnten. Auch wenn viele davor zurückschrecken, einen Gedichtband in die Hand zu nehmen, hier sei eindringlich empfohlen, den Band von Rudolph Bauer aufmerksam zu lesen und zu sehen.

Zur Unzeit, gegeigt

Politische Lyrik und Bildmontagen

Von Detlef Michelers

Der Gedichtband „Zur Unzeit, gegeigt“ von Rudolph Bauer gehört zur Kategorie Politische Lyrik. Diese knüpft an bei Vorläufern wie Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, Bert Brecht und Günter Eich, Peter Hacks und Pablo Neruda. Die Nennung solcher Protagonisten kann irreführende Erwartungen wecken. Wie bei ihnen erhebt sich die poetische Stimme des Autors auch heute wieder „zur Unzeit“. Aber sie hat einen unverkennbar eigenen, eigenwilligen, eigensinnigen Klang. Ihr Sound – poetisch „gegeigt“ – ist unterfüttert mit historischer Kenntnis, politischer Klarheit und kritischer Schärfe.

Die Gedichtsammlung umfasst sechs Kapitel mit jeweils fünf Texten. Diese handeln von brandaktuellen Ereignissen wie dem militärischen Nato- und US-Manöver Defender Europe 2020. Sie erinnern an revolutionäre Aufbrüche in der Geschichte der Arbeiterbewegung und an die reaktionären Massaker durch Polizei und die preußische Soldateska. Zum Teil reichen sie auch zurück in die Antike. Oder sie nehmen politische Entscheidungen und Parteien zum Anlass – unseren Alltag, das heutige und das frühere Europa, Zeitungsnotizen, den Tod eines Künstler-Freundes.

Die Gedichtsammlung ist vielstimmig und stimmgewaltig. Sie lässt schroffe Verzweiflung spüren und heiße Wut, sarkastischen Zorn und schmerzliche Bitternis. Aber sie ist auch nicht ohne Hoffnung, nicht ohne den Ausblick auf Frieden und Glück. Zusätzlich zu den Gedichten enthält der Band politisch motivierte Bildmontagen des Autors. Dadurch erlangt die Gedicht- und Bildersammlung den Rang eines zeitgenössischen Anti-Dokuments – sich behauptend jenseits des herrschenden, bis zum Geschmack- und Belanglosen eingeebneten Plateaus von gesellschaftspolitischer Gleichgültigkeit und ästhetischer Affirmation in Literatur und Bildender Kunst.

Der Band ist in sieben und ein umfangreich erklärendes achtes Kapitel unterteilt, denen jeweils ein Zitat von Johann Gottfried Herder, dem deutschen Dichter, Theologen und Philosophen der Weimarer Klassik vorangestellt ist: „Nach vielen Zeugnissen der Alten war Poesie bei ihnen vom stärksten Einflusse auf die Sinne. Sie … soll den Stab der Macht gehabt haben, Tiere zu bändigen, Steine zu beleben, den Seelen der Menschen einzuhauchen, was man wollte.“

Mit diesem Zitat, das einer idealisierten Wunschvorstellung Herders entspricht, spannt Rudolph Bauer ein hohes Seil, schlägt den Bogen von der Antike bis in die Gegenwart. Will er doch nichts weniger, als die Leser mit seiner Lyrik überzeugen, sie mit seinen Worten begeistern, agitieren und aufklären. Bereits das erste Gedicht – in dem er Eirene, die Friedensgöttin, besingt – gibt die Friedensrichtlinie vor und setzt den Maßstab. Mit Harfenklängen preist er sie: Eirene „mit dem füllhorn von glück“, „mit dem reichtum der ernte“, „mit den duftleuchtenden knospen der flora“.

Dieses paradiesisch holde Bild vom Frieden, der alle gesellschaftlichen Probleme zerstäubt, kann nur noch durch einen Wahlspruch aus DDR-Zeiten der letzte Glanz verliehen werden: „Unsere Rassegeflügelzucht kann nur im Frieden betrieben werden, deshalb ist jeder Rassegeflügelzüchter ein Kämpfer für den Frieden.“

Warum der Autor im zweiten Gedicht fragt, welcher „schuft“ aus Artemis, der Göttin der Jagd, des Waldes, der Geburt und Hüterin der Frauen und Kinder, „die göttin des krieges geschmiedet“ hat, erklärt sich allerdings nicht. Die Spartaner hatten ihr den Namen Agrotera, Jägerin, gegeben und opferten ihr vor der Schlacht. Aber die Zuschreibung als Göttin des Krieges ist nicht belegt.

Die Themen Krieg und Frieden, Unterdrückung und Unrecht, Rüstung und Abrüstung, Macht und Ohnmacht, Ruhe und Ordnung durchziehen den knapp 160 Seiten umfassenden Band. Rudolph Bauer führt uns – nicht nur – durch die deutsche Geschichte. In kraftvollen Moritaten blättert er die „Novemberrevolution 1918“ auf, beschreibt den „März 1920“, erzählt die „Parteigeschichte“ der SPD vom „kriegsrüstungserbe“ bis zum merkelliberale(n) koalitionserbe“, die mit dem Schlachtruf der frühen 30er Jahre, der in den 60ern wiederhallte, zu umfassen ist: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten!“

In seiner Ode „Neues Europa“, die er dem Literaturwissenschaftler und Philosophen Thomas Metscher widmet, verknüpft er die Kritik an den vergangenen und gegenwärtigen Zuständen mit dem fast flehentlich vorgetragenen Wunsch nach

„freiheit frieden glückliche frohe paare
dafür mögen unsere völker kämpfen
künftig ohne kriege befreit gewaltlos
das sei europa“

Im trommelnden Rhythmus von Mutter Courage fordert er in seiner „Nachricht von der Nähe des Paradieses“ die Schließung von Ramstein, die Einstellung der Drohnenangriffe und Waffenexporte. Nicht ohne – ebenso wie in vielen weiteren Texten – auch in diesem Gedicht das Licht am Ende des Tunnels zu beschwören:

„wenn die kriegsgeschwüre heilen
ist der ort wo menschen weilen
ein planet des singens tanzens
schaffens liebens und des friedens“

Trotz seiner verknappten, präzisen benennenden, teils retardierenden Sprache und seines kämpferischen Weckrufs nach Erinnerung, Veränderung und Erneuerung verblüfft er mit seinem Gedicht „Unser Schwert“ zunächst mit der Diagnose: „gedichte sind still und harmlos“. Aber der Titel suggeriert uns, dass es doch einen Pfad gibt, der uns in die Richtung lenkt, wo unter dem Pflaster der Strand liegt.

Denn „den herrschenden“ sitzt
„die angst im nacken
vor liedern texten songs …
denn sie fürchten die wahrheit“

Das Zitat von Johann Gottfried Herder: „Aus der Mündung der Kanonen flammen keine politischen Taten“*) ist dem siebten Kapitel mitgegeben. Eine Phrase, die sich auch heute gut auf Demonstrationen verwenden ließe: Kurz, knapp, plakativ, nicht zu widerlegen. Rudolph Bauer versammelt unter diesem Zitat Texte, mit denen er uns auffordert, unsere Komfortzone zu verlassen, aktiv zu werden. Um die altväterlich wirkenden Protestreime gegen das Kriegsmanöver defender 2020 („uniformträger laden wir ein – zechen mit ihnen burgunderwein – machen sie frank und offen – besoffen“ und das „Neues Manifest for future“ etwas aufzupeppen, biete ich gerne einige Demosprüche der letzten Zeit an. Z. B. „Pillepalle statt Klimaschutz“, „Let’s fuck each other, not mother earth“, „Früher war Fisch in der Packung, heute ist Packung im Fisch“, „Reiche Eltern für alle“ oder „Die Sonne fickt auch die Unwissenden.“

Die Bildcollagen, die den Kapiteln zugeordnet sind, unterstützen die Texte. Da ist (vermutlich) Eirene, die Friedensgöttin, die von einem Hinrichtungskommando der Wehrmacht erschossen wird; da sind Kinder mit Spielzeuggewehren, die vor großen Totenschädeln über den Boden robben, und preußische Soldaten treffen auf polierte menschliche Kampfpanzer. Der Autor verzichtet größtenteils auf die heutigen digitalen Möglichkeiten der Bildbearbeitung, so dass die Montagen in ihrer groben Struktur stark an John Heartfield erinnern. Durch das Aufeinanderprallen der Bildausschnitte entwickeln die Collagen eine eigene Dynamik, zerstören sie die geleckte Oberfläche und offenbaren die in ihnen enthaltene Aggressivität. Bis auf die Collagen zu Greta Thunberg und ihrem Skolstrejk, Julian Assange sowie Edward Snowden. Hier schwingt Sympathie mit.

*) Der Rezensent hat das Zitat nicht richtig wiedergegeben. Es lautet im Original: „Aus der Mündung der Kanonen flammen keine poetischen Taten“, nicht „keine politischen Taten“.

Zur Unzeit, gegeigt

Politische Lyrik und Bildmontagen
Lyrik & Poesie

Von Holdger Platta

Der Gedichtband „Zur Unzeit, gegeigt“ von Rudolph Bauer gehört zur Kategorie Politische Lyrik. Diese knüpft an bei Vorläufern wie Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, Bert Brecht und Günter Eich, Peter Hacks und Pablo Neruda. Die Nennung solcher Protagonisten kann irreführende Erwartungen wecken. Wie bei ihnen erhebt sich die poetische Stimme des Autors auch heute wieder „zur Unzeit“. Aber sie hat einen unverkennbar eigenen, eigenwilligen, eigensinnigen Klang. Ihr Sound – poetisch „gegeigt“ – ist unterfüttert mit historischer Kenntnis, politischer Klarheit und kritischer Schärfe.

Die Gedichtsammlung umfasst sechs Kapitel mit jeweils fünf Texten. Diese handeln von brandaktuellen Ereignissen wie dem militärischen Nato- und US-Manöver Defender Europe 2020. Sie erinnern an revolutionäre Aufbrüche in der Geschichte der Arbeiterbewegung und an die reaktionären Massaker durch Polizei und die preußische Soldateska. Zum Teil reichen sie auch zurück in die Antike. Oder sie nehmen politische Entscheidungen und Parteien zum Anlass – unseren Alltag, das heutige und das frühere Europa, Zeitungsnotizen, den Tod eines Künstler-Freundes.

Die Gedichtsammlung ist vielstimmig und stimmgewaltig. Sie lässt schroffe Verzweiflung spüren und heiße Wut, sarkastischen Zorn und schmerzliche Bitternis. Aber sie ist auch nicht ohne Hoffnung, nicht ohne den Ausblick auf Frieden und Glück. Zusätzlich zu den Gedichten enthält der Band politisch motivierte Bildmontagen des Autors. Dadurch erlangt die Gedicht- und Bildersammlung den Rang eines zeitgenössischen Anti-Dokuments – sich behauptend jenseits des herrschenden, bis zum Geschmack- und Belanglosen eingeebneten Plateaus von gesellschaftspolitischer Gleichgültigkeit und ästhetischer Affirmation in Literatur und Bildender Kunst.

Marxismus mit Musik

„Man muss diese versteinerten Verhältnisse zum Tanzen
zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt!“

(Karl Marx, 1844)

Ein bemerkenswerter neuer Gedichtband ist vorzustellen. Er stammt vom Bremer Künstler und Schriftsteller Rudolph Bauer, Jahrgang 1939, bis 2002 Professor für Wohlfahrtspolitik und Soziale Dienste an der Bremer Universität. Und schon der Titel dieser neuen Lyrik-Veröffentlichung hat es in sich: „Zur Unzeit, gegeigt“.

„Zur Unzeit, gegeigt“? –  Nun, wie Rudolph Bauer selber in einer seiner umfangreichen Anmerkungen zu seiner Publikation angibt, geht dieser Titel auf einen heute fast vergessenen Autor zurück, auf einen Schriftsteller, der sich bereits am Anfang der Weimarer Republik gegen den Militarismus zu engagieren begann, auf Otto Nebel (1892-1973), der eine literarische Veröffentlichung 1923/1924 mit der Überschrift „Unfeig. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt“ versehen hatte. Aber dieser Hinweis gibt natürlich gar nicht die mehrfache Doppelbödigkeit dieses Buchtitels von Bauer zu erkennen. Da muss man schon die Gedichte des Bremer Lyrikers gelesen haben, um am Ende zu erkennen, was es mit dieser Vierfach-Bedeutung des Titels „Zur Unzeit, gegeigt“ auf sich hat.

Artikel von Holdger Platta weiterlesen auf hinter-den-schlagzeilen.de

Erst Kriegsgebrüll, dann AfD

Ein Band mit Gedichten von Rudolph Bauer

Der Maler Heinrich Vogeler (1872-1942) schuf zwischen 1914 und 1934 von ihm so benannte „Komplexbilder“. Sie bestehen aus Kompositionen verschiedener Szenen, realistischen Darstellungen von Wirklichkeitsausschnitten, die einem bestimmten Thema untergeordnet sind. Die Gedichte, die der Bremer Sozialwissenschaftler und bildende Künstler Rudolph Bauer in seinem neunten Gedichtband „Aus gegebenem Anlass“ zusammengestellt hat,  können in Anlehnung an dieses Verfahren Komplexgedichte genannt werden: Sie sind mit einer gewissen Strenge einem zentralen Motiv untergeordnet, der Erhaltung von Frieden. Sie enthalten zugleich viele scharfe Beobachtungen und oft die Aufforderung, den Feinden von Frieden zu widerstehen und zu handeln.

Die Aufgeforderten sind verschieden, die von Bauer genannten Kriegsherren aus Vergangenheit und Gegenwart – auf diesem Gebiet finden sich keine Frauen – ähneln sich. Bauer befasst sich u. a. mit der „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms II. 1900 in Bremerhaven, mit dem deutschen Kolonialgeneral und der Bremer Lokalgröße Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) sowie mit „Deutschlands Prediger Gauck“. Aktuell und bissig wird es im letzten der acht Abschnitte, der denselben Titel wie das Buch trägt – z. B. so: „Aus der Natterngrube des Militarismus. im zeitlichen ablauf kam erst mal / das kriegsgebrüll dann a. f. d. / zunächst militärischer ernstfall / dann völkische brutalité / erst als fussvolk der nato marschieren / ‚mehr macht mehr verantwortung’ zählt / um dann sich stolz zu gerieren / als die menschenrechtsretter der welt / die tarnuniformierte von leyen /befehligt die mordbrennerschar / zur rettung der angeblich freien / der freiesten welt fürwahr / und identitäre sie schreien / das abendland sei in gefahr.“

Der gegebene Anlass ist der Zusammenhang von offizieller, moralisch verpackter Kriegspolitik und der lautstarken Begleitung durch „Retrofaschisten“. In einem anderen Gedicht heißt es zu dieser Verbindung: „die hass säen / bekämpft aber auch die / welche den hass militärisch / nutzen zum angriff“. Bauer nutzt sowohl die kleine Form und spießt SPD-Grüne-Feldherren im Dreizeiler auf: „Jugoslawien-Krieger. schröder und fischer / die rot-grüne panzerfaust / der gewaltlosen“. Verwendet aber auch die große: Den Band eröffnet eine über 14 Seiten gedruckte Adaption des letzten von Wolfgang Borchert (1921-1947) vor seinem Tod verfassten Textes „Dann gibt es nur eins“. Bauer ergänzt dessen Zeilen mit eigenen und stellt ihn unter die Überschrift „Es gilt noch immer“. Bei Borchert heißt es zu Beginn: „Du, Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“ Bauer setzt fort: „auch wenn sie keine befehle erteilen / sondern dir drohen / mit dem verlust des arbeitsplatzes / mit hartz-IV-schikanen / falls du dich weigerst / den marder herzustellen den leopard / tornados den eurofighter / kampfhubschrauber oder u-boote / fregatten korvetten / handfeuerwaffen und drohnen / dann gilt noch immer / nur eins.“

Thomas Metscher, der zu dem Band einen nuancierten, souverän argumentierenden Essay als Nachwort beigesteuert hat, bezeichnet zu recht einen Satz Klaus Manns, der einem der Abschnitte vorangestellt ist, als Bauers „schriftstellerisches Credo“: „Wer sich berufen glaubt, die Summe menschlicher Erfahrung durch das Wort auszudrücken, darf nicht die dringlichsten Probleme – die Organisation des Friedens, die Verteilung menschlicher Güter – vernachlässigen oder gar ignorieren.“ Metscher weist darauf hin, dass die Gedichte Bauers in einer „Traditionslinie politischer Dichtung neuen Typs“ stehen, die um 1800 entstand und mit den revolutionären Erhebungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts und der Arbeiterbewegung eine neue Qualität erhielt. Progressive politische Dichtung könne bis heute „nur eine solche sein, die den Idealen der Revolution Frankreichs die Treue hält, sie zugleich mit Impulsen verbindet, die der Arbeiterbewegung, der Oktoberrevolution und den antikolonialen Bewegungen“ entstamme. Vor allem aber: „Die Stellung zu Krieg und Frieden, heute wie einst, ist das politisch-ethische Grundkriterium für den Rang solcher Dichtung.“ Es gebe nicht viel an neuer deutschsprachiger Lyrik dieser Art. So füllten „die Texte Bauers nicht zuletzt auch eine Leerstelle aus“ und schlössen an Bewegungen an, „die weit über dem Niveau der hierzulande akkreditierten Literatur stehen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Arnold Schölzel

Rudolph Bauer/Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass. Gedichte und Essay.
Tredition GmbH, Hamburg 2018, 194 Seiten, Paperback 18,90 Euro, Hardcover 24,90 Euro, E-Book 2,99 Euro

Die Besprechung erscheint bei RotFuchs, Oktober 2019

„Aus gegebenem Anlass“ von Rudolph Bauer

Dr. Christian G. Pätzold (http://www.kuhlewampe.net)

In den zurückliegenden dreißig Jahren hatte es die politische Lyrik in Deutschland nicht leicht. Nachdem Erich Fried 1988 gestorben war, verfiel die politische Lyrik in Westdeutschland in ein Schlummerdasein. Das wurde noch vertieft durch das Aus der DDR 1990, denn dort gab es immerhin noch politische Lyrik. Sie war sogar angesehen und in den Volkseigenen Betrieben gab es Zirkel Schreibender ArbeiterInnen. Dann wurde die Industrie in Ostdeutschland entsorgt und mit ihr die politische Lyrik. In den 90er und Nuller Jahren grassierte der neoliberale Wahn und an fortschrittliche Lyrik war kaum zu denken. Angesichts dieser Vorgeschichte ist es erfreulich zu sehen, dass jetzt wieder politische Lyrik aufblüht, zum Beispiel mit dem schön gestalteten Buch »Aus gegebenem Anlass« von Rudolph Bauer.
Rudolph Bauer ist Politikwissenschaftler. Er war Professor an der Universität Bremen. Gleichzeitig ist er ein erfahrener Lyriker, der schon mehrere Gedichtbände veröffentlicht hat. Daher kann man einiges von ihm lernen. Zum Beispiel über den spielerischen Einsatz verschiedener Gedichtformen. Der Autor verwendet Haikus, Aphorismen, Distichen und Sonette. Auch Sprachspielerisches bis zum Poetry Slam. Auch der Rückblick in die Geschichte kommt häufig vor. Dabei muss man bedenken, dass sich politische Lyrik grundsätzlich von politischer Essayistik unterscheidet. Lyrik ist verknappt und kondensiert, während die Essayistik alle Aspekte eines Themas in Sätzen und Absätzen ausführlich ausleuchtet. Bei der Lyrik müssen die LeserInnen noch intensiver mitdenken, haben aber auch mehr Freiheit zu assoziieren.
Speziell politische Lyrik ist ein schwieriges Gebiet der Lyrik, weil der Autor bzw. die Autorin Stellung beziehen und damit automatisch ins Schussfeld der politischen Auseinandersetzung geraten. Daher sind die meisten LyrikerInnen viel zu ängstlich für politische Lyrik, besonders für linke politische Lyrik. Heute fragt man sich wieder, wann die Nazis in Deutschland die Wahlen gewinnen und an die Macht kommen, und wann man als Dichter wieder ins KZ gesperrt und gefoltert wird. Ein politischer Dichter zu sein ist in Deutschland bekanntlich lebensgefährlich. Politische Lyrik ist nur was für Mutige. Die Angsthasen schreiben lieber Naturlyrik oder Liebeslyrik. Wem es in der Küche zu heiß ist, sollte nicht Koch werden. Das gilt übrigens noch mehr für VerlegerInnen. Die haben die German Angst und Selbstzensur schon so verinnerlicht, dass sie politische Lyrik meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Bei Rudolph Bauer trifft man auf echte politische Lyrik, die nicht weichgespült ist. Thematisch ist das Buch sehr vielfältig, geht aber immer vom Denken der Friedensbewegung aus. Das Schwergewicht liegt auf Gedichten gegen den Krieg und gegen die Rüstung und Waffenexporte. Dem Buch voran gestellt ist ein Zitat von Bert Brecht aus der „Rede für den Frieden“ von 1952:
„Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“
In diesen Worten von Brecht kann man schon den scheinbaren Widerspruch erkennen: Man muss unfriedlich sein, um den Frieden zu erreichen.
Mehr am Rande werden weitere heiße Eisen wie die Geflüchteten, der Verfassungsschutz, Europa, Israel und der Islam angesprochen. Aber diese Themen haben letztlich auch etwas mit Krieg und Frieden zu tun. Etwas aus dem Rahmen fällt das Gedicht über den indischen Elefantengott Ganesha, bei dem man an die friedlichen Dickhäuter denken muss, die leider vom Aussterben bedroht sind, weil sie wegen ihres Elfenbeins abgeschossen werden. Eine weitere Gruppe bilden Gedichte auf Dichtergenossen.
Der Autor ist Kriegsgegner. Bundeswehrwerbung in Schulen ist ihm ein Graus. Gegen Ende das Buches findet sich noch ein Aufruf von Rudolph Bauer:
„schriftsteller/innen versagt nicht
steht auf und rebelliert
gegen die nazis verzagt nicht
schreibt an gegen sie unbeirrt“
Den Abschluss des Buches bildet ein literaturgeschichtlicher Essay von Thomas Metscher über politische Lyrik. Summa Summarum: Ein interessantes Buch mit vielen Anregungen, vielleicht sogar ein Meilenstein der friedensbewegten Dichtung. Der Autor liest aus dem Buch in folgenden Youtube-Videos:
https://www.youtube.com/watch?v=WR-TSB6-dlg (Dauer: 9’18“).
https://youtu.be/Fnd0ijizOCw (7’18“).

Rudolph Bauer/Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass.
Gedichte und Essay. Hamburg 2018. tredition. 194 Seiten.
ISBN 978-3-7469-7155-1.

Aufklärerische Lyrik – Buchtipp von Hartmut Drewes

Rudolph Bauer / Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass, Gedichte und Essay

Rudolph Bauer schreibt „agitatorisch-programmatisch oder kritisch satirisch“. So formuliert es der Literaturwissenschaftler Thomas Metscher zu Beginn seines Essays zur Würdigung von Bauers Gedichten im neuen Band „Aus gegebenem Anlass“. Diese Lyrik sei, so Metscher, „auf Aktualität verpflichtet, hat also auch einen dokumentarischen Wert – was die Leistung, doch auch die Grenze solcher Literatur markiert“. Der Autor will mit seinen Gedichten anklagen, aufrütteln, entlarven. Er deckt die mit Worten und in Reden oft verschleierte kapital-, imperial- und militärisch-kriegerisch orientierte Politik auf. Er macht das oft in „ätzender“ Weise. Ähnlich wie die Säure bei der Herstellung einer Radierung, so geht er der uns umgebenden, geheuchelten oder verklärenden Politik auf den Grund. Seine Lyrik legt offen, worum es in Wirklichkeit geht. Sie ist aufklärerisch.

In seinen Texten lässt Rudolph Bauer auch andere zu Wort kommen, kursiv kenntlich gemacht im negativen wie positiven Sinn. So beispielsweise in dem Gedicht „Rede des Generals“. Das Gedicht zitiert Worte von Lettow-Vorbeck, die er bei der Einweihung des Reichskolonialdenkmals in Bremen 1932 gehalten hat. Bei Bauer heißt es unter anderem:

„ein großes volk
sagte er
muss kolonien haben
um leben zu können …

nicht nur um kultur
sagte er
zu verbreiten
nicht eine wertmission
ist die haupstache …

ohne kolonien
sagte er
muss ein blühendes
volk ersticken …“

Diese Redenpassagen legen nicht nur bloß, wie eiskalt die Kolonialpolitik gehandelt hat, sondern sie versetzen durch das Wort „wertmission“ den Leser und Hörer in unsere Gegenwart, in der mit dem Hinweis auf „westliche Werte“ Kriegseinsätze, z.B. in Afghanistan und Mali, gerechtfertigt werden. Genauso aufdeckend sind auch Haikus wie der folgende mit dem Titel „Franziskus“: „der papst nennt lager / für syrische flüchtende / auf lesbos k.z.“ Oder auch der Haiku „Wirtschaftspolitik“: „es rollt der rubel / der höchst sauer verdiente / immer nach oben“. In einem der „Frontberichte“-Haikus heißt es: „befehle zum krieg / dienen dem einen zweck nur / märkte erobern“.

Auch durch Wortspiele dringt Bauer vor zum Kern der Sache, so im Gedicht „Verfassungsschuttslam“. Durch das Aneinanderreihen von Worten wie „verfassungsschutz“, „verfassungsschutt“, „fassungslos“, „verfassungsmülllos“, „atommüllschutzlosverfassung“ wird deutlich, wie unzureichend die Verfassung, wie entbehrlich der Verfassungsschutz, wie gefährlich schutzlos der Atommüll gelagert wird. Ähnlich auch das Gedicht „Vom Schützenschützen der Verfassung“.

Eines der Gedichte ist eine Hommage auf Jannis Ritsos, den hierzulande weithin unbekannt gebliebenen griechischen Dichter. Er hat ein Leben lang unter den Torturen der Herrschenden leiden müssen, hat aber nie aufgegeben. Das Gedicht endet mit den Versen: „der tod bedeutet ihm / weniger als freiheit // erst kommt die freiheit / schrieb er / dann der tod.“

Die Verlogenheit der politischen Öffentlichkeit macht Rudolph Bauers Gedicht „Weihnachtskampagne“ deutlich. Er nimmt sarkastisch die 2007 gestartete „Social-Marketing-Kampagne“ von 25 Medienunternehmen aufs Korn, die mit „Du bist Deutschland“ auf ein positives Denken, verbunden mit einem neuen deutschen Nationalgefühl, abzielte. Der „Du bist …“-Spruch greift dabei bedenkenlos auf eine frühere, auf Hitler gemünzte Nazi-Parole zurück.

Das kurze Gedicht „Die Lerche“ schildert sehr lyrisch die Sehnsucht nach friedlich-schönem Leben, das leider in Gänze nicht zu haben ist und deswegen mit den Worten endet: „wir schlürfen verzweifelt gierig das leben“.

Über das „ätzende“ Aufdecken hinaus bringt solche Lyrik aber noch etwas anderes, das nicht zu unterschätzen ist: die Stärkung der wenigen, die im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit nicht nachlassen. Bauers Lyrik führt die zum Teil sehr vereinzelt für die gerechte Sache Denkenden und Handelnden zusammen, bekräftigt ihre solidarische Gemeinschaft, gibt ihnen das Bewusstsein und Gefühl, dass sie nicht allein sind. Das gibt ihnen Ansporn und Ermutigung.

Rudolph Bauers Gedichtband steht in der Tradition von Schriftstellern, die –  wie Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Ernst Jandl, Volker Braun, Günter Grass, Hilde Domin, Dorothee Sölle, Thomas Bernhard, Wolfdietrich Schnurre und Friedrich Dürrenmatt – mit Blick auf die politischen Verhältnisse in den 1960er Jahren sehr sensibel reagierten. Von solcher Sensibilität zeugen auch die Zitate Klaus Manns, die Bauer über die meisten Kapitel seines Gedichtbandes gesetzt hat – etwa: „Ein Schriftsteller, der politische Gegenstände in sein künstlerisches Schaffen einbeziehen will, muss an der Politik gelitten haben, ebenso tief und bitter, wie er an der Liebe gelitten haben muss, um über sie zu schreiben. Dies ist der Preis, billiger kommt er nicht weg“.

Das Leiden an der Politik und ihr Einbeziehen in sein literarisches Schaffen ist der wesentliche Beweggrund für die Entstehung von Rudolph Bauers Gedichtesammlung. Sie verdient es, nicht zuletzt auch von politisch interessierten Zeitgenossinnen und -genossen gelesen und in der Öffentlichkeit vorgetragen zu werden.

Hartmut Drewes

NRhZ-Online – Neue Rheinische Zeitung, 21. November 2018

Eine Besprechung gleichen Wortlauts erschien unter der Überschrift „Aufklärerische Lyrik“ in: OSSIETZKY 7 vom 6. April 2019 (22. Jahrgang), S. 257-259.

Siehe auch:

Aus der Bucherscheinung „Aus gegebenem Anlass“
18 Haikus gegen Retrofaschisten
Von Rudolph Bauer
NRhZ 682 vom 14.11.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25385